Niemals selten manchmal immer

Kinostart: 01.10.20
2020
Filmplakat: Niemals selten manchmal immer

FBW-Pressetext

Britisch-amerikanisches Independentkino, authentisch erzählt und gespielt

Der mitreißende Indiefilm erzählt die Geschichte der 17-jährigen Autumn, die nach einer ungewollten Schwangerschaft mit ihrer Cousine nach New York reist, um dort eine Abtreibung durchführen zu lassen. Mit viel Empathie und seiner unmittelbaren Nähe zu den Figuren wirkt der Film auch lange nach dem Kinobesuch noch nach.

Von der ersten Minute an ist der Film (Regie und Drehbuch: Eliza Hittman, Kamera: Hélène Louvart) ganz nah bei Autumn, der weiblichen Hauptfigur, die sich nicht nur in einer Ausnahmesituation, sondern auch auf der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsensein befindet. Sidney Flanigan spielt Autumn eindringlich und natürlich, ihre inneren Konflikte, die auch von ihrem Umfeld geprägt sind, empfindet man stets mit. In der amerikanischen Provinz warten keine Karriereträume und auch in der Familie erfährt Autumn nur wenig Aufmerksamkeit. Hittman lässt sich Zeit dabei, Autumn und ihre Cousine Skylar auf ihrer Reise nach New York zu begleiten und lässt, ganz realistisch, auch die diversen Beratungsgespräche, die Autumn über sich ergehen lassen muss, fast in Echtzeit geschehen. So entsteht ein sehr seltener, fast dokumentarisch anmutender Einblick in eine authentische Lebenswelt, die nur wenig Dialoge benötigt. Und doch sprechen die Figuren viel miteinander – mit Blicken, mit Gesten, mit ihren Bewegungen und Haltungen. Seine starke Haltung pro Selbstbestimmung der Frau legt der Film subtil dar und erzählt eher leise als laut. Eine echte Indie-Perle, die mit subtil eingesetzten inszenatorischen Mitteln eine packend dichte Atmosphäre schafft und deren unglaublich starke und unabhängige Protagonistinnen die Geschichte von Anfang bis Ende tragen. Auf der diesjährigen Berlinale wurde der Film dafür mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Eliza Hittman
Darsteller:Eliazar Jimenez; David Buneta; Christian Clements; Sam Dugger; Sharon Van Etten; Aurora Richards; Rose Elizabeth Richards; Talia Ryder; Sidney Flanigan; Ryan Eggold; u.a.
Drehbuch:Eliza Hittman
Kamera:Hélène Louvart
Schnitt:Scott Cummings
Musik:Julia Holter
Webseite:upig.de;
Jugend Filmjury:Lesen Sie auch, was die Jugend Filmjury zu diesem Film sagt...
Länge:102 Minuten
Kinostart:01.10.2020
Verleih:Universal
Produktion: BBC Films , Cinereach; Mutressa Movies; PASTEL; Rooftop Films; Tango Entertainment;
FSK:6

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Eliza Hittmans zweite Regiearbeit NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER gehört zweifellos zu den einfühlsamsten, prägnantesten und bewegendsten Filmdramen, die sich bis heute mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch beschäftigt haben. Eine der zentralen Stärken des Films findet sich darin, dass die erzählerische Perspektive der beiden Hauptprotagonistinnen mit absoluter Konsequenz eingehalten wird. Stilistisch ist der Film einem scheinbar extremen Realismus verpflichtet, der jedoch weniger durch dokumentarische Mittel erzeugt wird als durch ein stark verdichtetes Buch und einer hochkonzentrierten Inszenierung der herausragenden Schauspielerinnen. Im Laufe des Films wird im Vergleich zum Üblichen sehr wenig gesprochen, die aus dem ländlichen Pennsylvania stammenden Figuren strahlen fast etwas Verstocktes aus – umso stärker wächst mit zunehmender Dauer des Films die Identifikation mit ihnen. Den Bärenanteil daran, dass uns die Figuren näher erscheinen, als jede Abfolge von Dialogen es je vermag, trägt zweifelsohne Hélène Louvarts exzellente Kameraarbeit. Immer dicht bei den beiden Freundinnen spiegelt die Kamera in ihren Aktionen voller Zuneigung die Geschichte der beiden. Es ist, als streichle sie die Figuren und spreche aus, was die Freundinnen nicht ausdrücken können. Die ganze Grausamkeit der Situation und der sozialen Auswirkungen, die hinter den Figuren steht, wird nicht ausgesprochen, sondern hängt jederzeit als Bedrohung derart deutlich über den Szenen, dass wir als Betrachter*innen fast körperlich reagieren. Auch die Gefährdung, der beide im nächtlichen New York ausgesetzt sind, ist nur durch Andeutungen jederzeit spürbar. Eliza Hittman muss erstaunlich wenig ausformulieren, um das toxisch Männliche und das herrschende System des Patriarchats auf der Straße verstehbar zu machen, in dem sich zwei junge, unbedarft erscheinende Mädchen permanenter Sexualisierung ausgesetzt sehen. Auch wird niemals thematisiert, wie es zu dieser Schwangerschaft kam – die Positionierung der Figuren in die gezeigte Welt bietet Antwort genug. Diese kunstvoll subtile Kommunikation der sozialen Zwischentöne, die von hoher Verantwortung gegenüber Stoff und Figuren zeugt, intensiviert noch die Beziehung, die sich zwischen Zuschauer*innen und Figuren aufbaut. All das kulminiert in der Befragung, der sich die Hauptfigur in der Abtreibungsklinik stellen muss, in der sie auf jede Frage mit jeweils einer der titelgebenden Antworten reagieren soll. In einer einzigen minutenlangen Einstellung gedreht, offenbart sich in wenigen Worten der ganze Abgrund an Erfahrungen des Mädchens in der patriarchalen Welt ihres Umfelds. Es ist nicht weniger als meisterhaft, wie Eliza Hittman uns emotional durch die Geschichte führt und dabei jederzeit ihren Figuren und dem Anliegen gegenüber absolut ehrlich und aufrichtig bleibt. Ein sensibler, ein wichtiger, ein großer Film.