Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

Kinostart: 15.07.21
2020
Filmplakat: Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

FBW-Pressetext

Die berührende Geschichte einer starken Familie – liebevoll und aufrichtig erzählt.

Als Jacob mit seiner koreanisch-amerikanischen Familie nach Arkansas zieht, will er dort als erfolgreicher Farmer sein Glück finden. Doch der Traum vom eigenen Land lässt sich nicht so leicht erfüllen. Unspektakulär und mit sehr viel Empathie erzählt Regisseur Lee Isaac Chung vom dem amerikanischen Traum einer Familie, die in ihrer neuen Heimat Wurzeln schlagen muss.

Regisseur und Drehbuchautor Lee Isaac Chung erzählt seine Geschichte, die auf autobiografischen Erinnerungen aus den 1980er Jahren beruht, mit viel Einfühlungsvermögen für seine Figuren. Dabei ist es vor allem die multiperspektivische Haltung des Films, die den Zuschauer*innen erlaubt, mit allen Charakteren mitzufühlen. Da ist Vater Jacob, den Steven Yeun mit einer Mischung aus Enthusiasmus, Verbissenheit und einer stoischen Gelassenheit spielt und Mutter Monica (Yeri Han), der man anmerkt, wie unwohl sie sich fühlt, die aber gleichzeitig auch bereit ist, aus Liebe zu Jacob und ihrer Familie vieles zu ertragen. Und da sind die Geschwister David und Anne, die die Farm als großes Abenteuer sehen. Auch wenn David, der an einem Herzfehler leidet, mit seiner aus Korea angereisten Großmutter Soon-ja (herrlich anders: Yuh-Jung Youn) in einem Zimmer leben muss. Soon-ja ist so gar nicht das, was sich David unter einer perfekten Großmutter vorstellt: Sie flucht, sie backt und kocht nicht und verhält sich auch ansonsten nicht wie normale Großmütter. Als Setting von MINARI – WO WIR WURZELN SCHLAGEN funktioniert der Wohntrailer inmitten eines ländlichen Nichts ganz wunderbar. Denn die Kamera von Lachlan Milne findet sowohl großartige Bilder inmitten der puren Wildnis, in die Soon-ja und David ihre Ausflüge machen, um eine aus Korea stammende Pflanze Wurzeln schlagen zu lassen, als auch in den viel zu engen Innenräumen, in denen die Familie ihre kleinen und großen Konflikte austrägt. Manchmal mit Worten, manchmal mit Blicken. Auf eine sehr subtile Art und Weise gelingt es dem Regisseur Lee Isaac Chung, ein authentisches Bild der amerikanischen Gesellschaft zu zeichnen, ohne dabei jemanden bloßzustellen. MINARI erzählt auf anrührende Weise von einer Familie, die ihre Wurzeln in der Fremde suchen muss – und sie letzten Endes bei sich selbst findet.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Lee Isaac Chung
Darsteller:Alan S. Kim; Yeri Han; Noel Cho; Steven Yeun; Darryl Cox; Esther Moon; Ben Hall; Eric Starkey; Will Patton; Youn Yuh-jung; u. v. m.
Drehbuch:Lee Isaac Chung
Kamera:Lachlan Milne
Schnitt:Harry Yoon
Musik:Emile Mosseri
Länge:115 Minuten
Kinostart:15.07.2021
Verleih:Prokino Filmverleih
Produktion: Plan B Entertainment
FSK:6

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die koreanisch-amerikanische Familie Yi ist unterwegs in ein neues Leben: In den 1980er Jahren zieht sie aus Kalifornien nach Arkansas, wo Vater Jacob ein Stück Land erworben hat. Seit er vor zehn Jahren mit seiner Frau Monica kurz nach der Hochzeit die koreanische Heimat verlassen hat, hat er in der Geflügelindustrie mit der Geschlechtsbestimmung von Küken sein Geld verdient. Jetzt will er den amerikanischen Traum leben und als Farmer mit dem Anbau von koreanischem Gemüse eine neue Existenz für sich und seine Familie aufbauen. Während die Kinder, der 7-jährige David und seine ältere Schwester Anne, das neue Leben als Abenteuer ansehen, ist Monica vom Neustart im ländlichen Nirgendwo und dem Leben im Mobile Home wenig begeistert. Abgesehen von dem streng gläubigen Paul, der auf der Farm hilft, gibt es keine Nachbarn, und die nächste Kleinstadt ist meilenweit entfernt. Monica ist besorgt, weil der kleine David einen Herzfehler hat und es in einem Notfall kaum möglich wäre, medizinische Unterstützung zu erhalten. Auch der Weg in die Kirche, wo die Familie von der Gemeinde mit freundlichem Interesse aufgenommen wird, ist lang. So leben sie weitgehend isoliert, und die Konflikte zwischen den Eheleuten häufen sich. Zur Unterstützung holen sie Monicas Mutter Soon-ja aus Korea nach, was das Gefüge in der Familie nachhaltig verändert. Vor allem David ist zunächst wenig begeistert von der alten Dame, mit der er sich das Zimmer teilen muss und die so gar nicht dem Idealbild der amerikanischen Granny entspricht. Statt Cookies zu backen, spielt sie lieber Karten und hat auch sonst ungewöhnliche Ansichten und Praktiken. Um sie wieder loszuwerden, spielt David ihr einige derbe Streiche, aber allmählich nähern sich die beiden an. Doch während die titelgebende koreanische Petersilie Minari, die Soon-ja an einem Bachlauf angebaut hat, prächtig gedeiht, muss die Familie noch einige Herausforderungen bestehen, bevor sie in der neuen Heimat Wurzeln schlagen kann.

„Es wird einfach nur schlimmer“, sagt Monica (auf koreanisch), als sie in dem Mobile Home steht, das von nun an ihr Zuhause sein soll. Sie ist überzeugt, dass sie hier nicht lange bleiben werden, denn ihr Mann habe etwas anderes versprochen, meint sie. Der ist jedoch voller Stolz und Begeisterung über das Stück Land, das nun sein Eigen ist. In ganz Amerika gäbe keine bessere Erde. Hier will er, völlig selbstbestimmt, seinen Lebenstraum erfüllen und einen „großen Garten“ für die Familie bauen. Von einem „kleinen“ war seine Frau ausgegangen. Damit sind in den ersten fünf Minuten die Konfliktlinien gezogen, die den ganzen Film durchziehen werden. Es ist ein Film über „kleine Leute“, noch dazu mit Migrationshintergrund, die hart arbeiten und sich keinen Fehlschlag erlauben dürfen, denn er könnte ihren Ruin bedeuten.

Jacob ist vollkommen überzeugt von seinem Geschäftsmodell, koreanisches Gemüse nach traditionellen Anbaumethoden für die stetig wachsende Zahl von Immigrant*innen aus der alten Heimat zu produzieren, um damit sich und seiner Familie zu beweisen, dass er es aus eigener Kraft zu Wohlstand bringen kann. Monica wiederrum ist nicht nur voller Sorge über den herzkranken Sohn, sondern hat auch Angst, dass ihr Mann das mühsam Erarbeitete und damit die Zukunft der Familie auf Spiel setzten könnte. Eine nicht unbegründete Sorge, die sich bei jedem Rückschlag, den sie erleiden, steigern wird. Daran kann auch die nachgereist Großmutter Soon-ja nichts ändern, sie kann die Situation aber mit größerer Abgeklärtheit betrachten und schließlich durch den Anbau der titelgebenden „Minari“ nicht nur ein Symbol für den Zustand der Familie kreieren, sondern eine ganz reale Perspektive.

Autor und Regisseur Lee Isaac Chung, der wie der kleine David in den 1980er Jahren im ländlichen Arkansas ausgewachsen ist, hat sich für diesen Film durch autobiografische Erfahrungen inspirieren lassen. Allerdings erzählt er keinen klassischen Bildungsroman und keine Hollywood-Heldengeschichte, sondern entwirft mit viel Einfühlungsvermögen das multiperspektivische Tableau einer Familie, die – gemäß der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – nach Glück strebt, aber sehr unterschiedliche Vorstellungen davon hat. Dabei begleitet er jedes Familienmitglied mit der gleichen Empathie, niemand wird bösartig oder unsympathisch gezeigt. Der Enthusiasmus des Vaters wirkt mitreißend, aber die Vorsicht der Mutter und ihre Angst, dass ihrem Mann der Geschäftserfolg wichtiger sein könne als die Familie, sind ebenso gut nachvollziehbar. Sie streiten nicht, weil sie sich nicht mögen, sondern weil ein immenser Druck auf ihnen lastet.

Dabei steuert die Geschichte nicht auf einen großen Knall hin. Sie ist mit ruhiger Gelassenheit erzählt, wobei auch die kleinen Ereignisse und Beobachtungen am Rande wichtig sind und eine große Intimität erzeugen. Das zeigt sich vor allem im liebevollen Umgang der Eltern mit ihren Kindern. Hinzu kommt ein sanfter Sinn für Humor, der insbesondere in der Interaktion zwischen David und seiner Großmutter entsteht. Sehr schön gezeichnet ist auch das Verhältnis der beiden Geschwister, die die neue Umgebung mit offenen Augen erkunden. Dabei kommt der weiten, grünen Landschaft, die auf den ersten Blick völlig unspektakulär erscheint, aber von Lachlan Milnes Kamera großartig eingefangenen wird, eine wichtige dramaturgische Bedeutung zu – ebenso wie den engen Innenräumen, die die Spannungen eskalieren lassen. Bemerkenswert ist, dass die Konflikte nur im Binnenverhältnis zwischen den Eheleuten stattfinden. Die Familie muss keine Anfeindungen von außen ertragen, sondern wird von ihrem Umfeld – sei es bei der Arbeit oder in der Kirchengemeinde – mit Freundlichkeit und Wohlwollen aufgenommen.

Aus diesen Elementen gestaltet Regisseur Lee Isaac Chung in seiner ebenso präzisen wie einfühlsamen Inszenierung ein sehr stimmiges Bild des Lebens im ländlichen Amerika zu jener Zeit und zeichnet das innige Porträt einer Familie zwischen den Kulturen, die hier ankommen und Wurzeln schlagen will. Getragen wird die Geschichte von hervorragenden Schauspieler*innen, die die Charaktere glaubwürdig und liebenswert erscheinen lassen, wobei der kleine Darsteller Alan S. Kim als David den emotionalen Mittelpunkt einnimmt, vor allem in der Interaktion mit der großartigen Youn Yuh-jung, die die unkonventionelle Großmutter Soon-ja verkörpert. Unterstützt werden sie von der herausragenden Filmmusik von Emile Mosseri, dessen zurückhaltender Score mit Klavier- und Gitarrenklängen und ätherischem Gesang der Intimität der Geschichte entspricht und nur in wenigen Szenen orchestral auftrumpft. So fügt sich MINARI – WO WIR WURZELN SCHLAGEN ganz unspektakulär und ohne in Sentimentalität abzugleiten zu einem stimmigen und außerordentlich bewegenden Film, der lange nachhallt.