Jamil

Filmplakat: Jamil

FBW-Pressetext

Steve öffnet die Augen. Doch er sieht nichts. Über ihm nur Steine, Geröll, Dunkelheit. Aber er hört etwas. Die Stimme eines anderen Mannes. Steve fragt nach seinem Namen, er fragt, ob der Andere weiß, was geschehen ist. Die Antwort des Mannes auf Arabisch kann er nicht verstehen, bis auf einen Namen, den er immer wieder hört: Jamil. Und während Steve und „Jamil“ in endloser Stille und Dunkelheit auf Hilfe warten, bereitet sich auf der anderen Seite der Erde eine Frau darauf vor, zu ihnen zu fahren. Denn als Kriegsreporterin ist es ihr Job, über das zu berichten, was passiert. Auch wenn es gefährlich ist. Und sie nicht weiß, ob sie selbst in Sicherheit ist. Der Kurzspielfilm von Michele Gentile ist der Arbeit der Fotojournalistin Anja Niedringhaus gewidmet, die aus Kriegsgebieten in Jugoslawien, Palästina, Afghanistan, Kuwait, Libyen und Irak berichtete und die 2014 einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Afghanistan erschossen wurde. Auch in JAMIL geht es um Krieg, um die Auswirkungen seiner Gewalt, der Willkür des Terrors – doch die Perspektiven und Blickwinkel, die der Regisseur wählt, sind außergewöhnlich. So wird die Sequenz der beiden Männer, die, ohne die Sprache des jeweils anderen zu kennen, miteinander kommunizieren, nach einem Bombenattentat erzählt. Zu sehen ist nichts, doch Gentile macht die Bedrohung, die Angst, den schieren Willen zum Überleben allein durch die Stimmen seiner Protagonisten deutlich. Und die Situation der Journalistin beleuchtet der Film durch knappe Dialoge mit ihrem Mann, kurz vor der Abfahrt in eine unsichere Situation. Der ganze Film ist atmosphärisch unglaublich dicht inszeniert und benötigt, wie in einer Versuchsanordnung, nur wenige Einstellungen und Momente, um das zu versinnbildlichen, was Krieg bedeuten kann. Ein spannender und bewegender Film, der komplex und zwischen den Zeilen erzählt ist.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama; Kurzfilm
Regie:Michele Gentile
Darsteller:Beate Malkus; Tobias Langhoff; Fakhri Hamad; Sam Alexander; Alyssa Harting; Maria Gorkauchman
Drehbuch:Michele Gentile
Kamera:Frank Barbian
Schnitt:Wiebke Henrich
Musik:Christian Heschl
Länge:28 Minuten
Kontakt:mike@littlebigtalents.com
Produktion: Little Big Talents UG Michele Gentile

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Von zwei Paaren wird hier erzählt (und im Epilog dann noch von einem dritten). Steve und Khaled sind unter dem Geröll eines eingestürzten Gebäudes begraben. Sie sprechen verschiedenen Sprachen, können nichts sehen (auch der Zuschauer kann im Dunkel nur Schemen erkennen) und sich nicht bewegen. Der Dialog zwischen den beiden besteht fast ausschließlich aus Missverständnissen, aber im Lauf von Tagen kommen sie sich näher, weil beide das Gleiche erleiden müssen. Die deutsche Journalistin Anja und ihr Mann Leo sind dagegen so miteinander vertraut, dass sie mehr mit Blicken als mit Worten miteinander kommunizieren können. Sie packt ihr Gepäck ein, um in ein Kriegsgebiet zu fahren, er bleibt (in Umkehrung der traditionellen Rollenverteilung) zurück, macht sich Sorgen und wartet auf die erlösende erste Nachricht von ihr. Michele Gentile wechselt zwischen diesen beiden Zwiegesprächen hin und her, und es gelingt ihm dabei, davon zu erzählen, wie willkürlich und tiefgehend der Krieg das Leben der Menschen verändern kann. Dabei erzählt er sehr subtil, ohne je melodramatisch oder bedeutungsschwanger zu werden. Die Jury beeindruckte dabei die ökonomische Erzählweise (da war nichts zu viel und nichts zu wenig) und die ausgefeilte Dramaturgie. Da wird eine Widmung (nicht wie üblich am Ende, sondern noch im Film) zu einem entscheidenden Handlungselement, und am Schluss wird der Rahmen der Geschichte nicht aufgebrochen sondern erweitert. Michele Gentile inszeniert mit einer beindruckenden stilistischen Finesse, doch er verliert sich nie darin, denn es ist ihm wichtig, diese Geschichte über diese kriegerischen Zeiten zu erzählen. Diese Dringlichkeit spürt man in jedem Moment des Films, der sowohl inhaltlich wie auch gestalterisch so überzeugt, dass ihm das Prädikat „besonders wertvoll“ verliehen wird.