Höhenflüge

Kinostart: nkT
2019
Filmplakat: Höhenflüge

FBW-Pressetext

HÖHENFLÜGE von Lena Leonhardt zeigt, wie aus einer alten Tradition ein skurriles Millionengeschäft mit Brieftauben wird: Ein ungewöhnlicher Kommentar auf die Ausmaße und Absurditäten des Kapitalismus.

Als Andreas Drapa noch Fliesenleger war, träumte er davon, Millionär zu werden. Heute ist er es. Dank seines Hobbys: Brieftauben. Drapas Partner sind Superreiche aus China und Dubai. Doch er will noch höher hinaus: Denn im Reich der Mitte ist das Wetten auf Taubenrennen zu einem lukrativen Business geworden, in dem die meisten Züchter im Ruhrpott, der traditionellen Hochburg des Taubensports, nicht mehr mithalten können. Menschen wie Uschi, eine Fabrikarbeiterin: Für sie sind die Tauben nicht nur der rote Faden ihrer Lebensgeschichte, Sinnbild für Heimat und eine gefährdete Tradition, sondern auch Kinderersatz. Walter, Jurist und passionierter Hobby-Taubenzüchter aus der Nähe von Düsseldorf, sieht in den Tauben gar die nostalgische Reflexion einer untergegangenen Welt. Eine Welt, in der früher die Bergarbeiter Zusammenhalt, Freizeitvergnügen und Ausgleich zur harten Maloche in den Zechen fanden. Auch für ihn sind die Tauben zu einer Oase in den harten Zeiten geworden – vor allem seit eine lebensverändernde Diagnose seinen Alltag auf den Kopf gestellt hat. Leonhardt verbindet alle drei doch so verschiedenen Geschichten zu einem harmonischen Gebilde und zeigt, ohne sich selbst mit einem Kommentar einzumischen, gleichzeitig die Seele des Sports und auch, was unsere moderne Gesellschaft damit angestellt hat. Dadurch entsteht auf ungewöhnliche Weise ein Spiegelbild einer globalisierten Weltwirtschaft und derer Spielregeln. Komplettiert durch bildgewaltige Aufnahmen und einem ambienthaften Score, lässt der Film dem Zuschauer die Zeit, zu einer eigenen Betrachtung zu gelangen. Somit ist HÖHENFLÜGE mehr als ein Film über ein Hobby. Es ist ein Film über Tradition, Heimat, Gier und Ehrgeiz – über einen Wettkampf, in dem die Zahl der Verlierer stetig steigt, während die wenigen Gewinner immer mächtiger werden.
Prädikat wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Lena Leonhardt
Drehbuch:Lena Leonhardt
Kamera:Sebastian Bäumler
Schnitt:Sven Kulik
Musik:Christian Halten
Länge:90 Minuten
Kinostart:
Kontakt:peter.kuczinski@onscreen-media.de
Produktion: OnScreen Media Peter Kuczinski, SWR; NDR;
Förderer:MFG Baden-Württemberg; KJDF

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat wertvoll verliehen.
Die Filmemacherin Lena Leonhardt konfrontiert uns in ihrem Dokumentarfilm Höhenflüge mit einem ungewohnten Thema: der Brieftaubenzucht. Einst – so erfahren wir – hatte die Brieftaube einen besonderen Stellenwert im Nachkriegsdeutschland, war Symbol für Treue und einer diffusen Sehnsucht nach Heimat. Im Ruhrgebiet wurde die Brieftaube gar zu einem verbreiteten Hobby, das den Blick in den Himmel jenem Blick der unter Tage Arbeitenden in die Dunkelheit entgegensetzte. Weniger bekannt ist, dass das „Rennpferd des kleinen Mannes“ gegenwärtig zu einem internationalen Business geworden ist, das seine Wurzeln in China hat. Dieses Phänomen will der Film beleuchten.
Wir lernen den ehemaligen Fliesenleger Andreas Drapa kennen, der davon träumte, Millionär zu werden. Seine Brieftauben erfüllten ihm diesen Traum. In seiner Welt sind sie zur Verhandlungsmasse in einem Millionengeschäft geworden. Die Geschäftspartner sind Millionäre aus China und Dubai. Um noch weiter zu kommen, engagiert sich Drapa im Wetten auf Taubenrennen, die zu einem äußerst lukrativen Business in Südostasien geworden sind. Auf diese Weise erhebt der Film Höhenflüge die Taubenzucht zum Spiegel der globalen Weltwirtschaft und ihren Spielregeln. Indirekt dekonstruiert er einen Wettkampf, in dem die Zahl der Verlierer stetig steigt, während die wenigen Gewinner immer mächtiger werden. Hier liege auch der Grund, warum in diesem Spiel der „kleine Mann“, der von traditionellen Werten geprägte deutsche Taubenzüchter, kaum noch einen Platz hat. Auch diese Menschen lernen wir kennen, eine romantische Züchterin und einen krebskranken ehemaligen Juristen, der sich mit diesem Hobby Erfüllung verschafft...
Mit spielfilmartiger Ästhetik, in dichten Montagen und mitunter makellos komponierten Breitwandeinstellungen und gelegentlich treibend pulsierender Musik schafft der Filme eine Montage unterschiedlicher Perspektiven auf das Phänomen. Die unterschiedlichen Protagonisten zeigen einen sehr individuellen Zugang zum Taubensport: vom professionellen Züchter und Spieler bis zum Hobbyisten. Und das global und national. Eindrucksvolle Drohnenaufnahmen von Sebastian Bäumler bieten ungewohnte Sicht auf scheinbar profane Vorgänge. Die Parallelmontagen der unterschiedlichen Vorgänge (Wettflug in Deutschland und in China) schaffen eine irritierende Vergleichsebene.
Wie die kleine Welt der Taubenzüchter große gesellschaftliche Zusammenhänge reflektiert, ist faszinierend zu beobachten. Es geht weniger um Brieftauben, als um eine latente Kritik an der kapitalistisch globalen Gesellschaft.
Trotz dieser Stärken hat der Film eine intensive Diskussion in der Jury ausgelöst. Von einigen kritisiert wurde vor allem die unterschiedliche Gewichtung der Protagonisten, die mitunter unausgewogen erscheint, da der „Unsympath“ den meisten Raum erhält. Daraus werde letztlich keine vollständig überzeugende dramatische Struktur konstruiert. Die Protagonisten wirken dazu etwas eindimensional, denn wir erleben sie nur im Umgang mit den Tauben. Viele unterhaltsame Aspekte würden nur angerissen (etwa die alternative Kulturgeschichte des Ruhrgebietes im ersten Drittel), wobei die philosophischen Anklänge als Dimension, anregend empfunden wurden.

Nach Abwägung aller Argumente zeichnet die Jury den Film aufgrund seiner eindeutigen inszenatorischen und erzählerischen Stärken mit dem Prädikat „wertvoll“ aus.