Glücklich wie Lazzaro

Filmplakat: Glücklich wie Lazzaro

FBW-Pressetext

Der faszinierend kunstvolle Spielfilm von Alice Rohrwacher erzählt von Lazzaro, der genügsam und zufrieden mit sich und der Welt inmitten einer kleinen Gemeinde in einem abgelegenen Tal in Italien lebt. Bis die Verkettung der Ereignisse das Leben aller für immer verändert.

Jeder erteilt ihm Befehle, keiner nimmt ihn wahr. Und doch ist Lazzaro, der junge Mann, der selten spricht und immer gehorcht, ein glücklicher Mensch. Er braucht nicht viel zu seinem Glück in dem Tal, wo er mit den anderen zusammenlebt. Das Tal selbst gehört einer reichen Gräfin, die die Bewohner wie Leibeigene ausnutzt. Als sie eines Tages ihren gelangweilten Sohn zu sich holt, findet dieser Gefallen an Lazzaros Gesellschaft. Doch eines Tages geschieht ein Unglück. Ein Unglück, welches für Lazzaro das Ende seiner Lebensreise bedeuten könnte. Aber in Wahrheit erst der Anfang ist. Der neue Film von Alice Rohrwacher begeistert durch seine faszinierende Mischung von dokumentarisch anmutenden authentischen Aufnahmen und dem Stilmittel des magischen Realismus. Die kargen Umstände im abgelegenen Tal und später in der anonymen Großstadt fängt der Film komplett realistisch und ungeschönt ein. Die Last der harten Arbeit erscheint für den Zuschauer fast greifbar, so sehr wird die Kamera ein Teil des Geschehens. Und doch findet Rohrwacher genau die richtigen filmischen Mittel, um das Leben der Gruppe mit einer fast schon verträumten, malerischen Harmonie darzustellen. Das kichernde Flüstern der Schwestern, das Zerstäuben des gedroschenen Heus in der Sommerluft, das Zirpen der Zikaden unter den Orangenhainen und die epochale Orgelmusik auf den Straßen der Großstadt – Rohrwacher arbeitet mit Licht, Tiefenschärfe, Musik und Sound, um die Atmosphäre des Films immer mehr zu verdichten. Und inmitten dieser fast schon träumerisch anmutenden Szenerie wirkt Lazzaro selbst wie ein Wesen, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Adriano Tardiolos feine Gesichtszüge lassen Lazzaro wie einen Engel wirken. Und immer mehr auch wie einen Märtyrer, der das Leiden der Welt in sich aufnimmt und seine Unschuld nie verliert. Wie ein Mahnmal des Guten steht Lazzaro dabei auch inmitten einer von Kapitalismus und Gier korrumpierten Gesellschaft – eine kritische Haltung, die Rohrwacher immer streift, nie aber ins Zentrum ihrer Erzählung stellt. GLÜCKLICH WIE LAZZARO ist ein mitreißender und begeisternder Filmfluss, dem man gerne folgt. Hohe Filmkunst, die glücklich macht.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Alice Rohrwacher
Darsteller:Adriano Tardiolo; Agnese Graziani; Luca Chikovani; Alba Rohrwacher; Sergi López; Natalino Balasso; Tommaso Ragno; Nicoletta Braschi
Drehbuch:Alice Rohrwacher
Kamera:Hélène Louvart
Schnitt:Nelly Quettier
Musik:Christophe Giovannoni
Länge:128 Minuten
Kinostart:13.09.2018
Verleih:Piffl
Produktion: Tempesta SRL, Amka Films Productions; Ad Vitam Production; Pola Pandora Filmproduktions;
FSK:12
Förderer:MBB

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Alice Rohrwachers dritter Spielfilm führt uns auf atmosphärisch dichte und poetische Weise in eine archaisch anmutende Welt einer unterdrückten Dorfgemeinschaft abseits der Zivilisation des modernen Italiens. An der Seite des genügsamen und gutherzigen Lazzaro erleben die Zuschauer in der ersten Hälfte des Films fast physisch spürbar das harte bäuerliche Leben. Nah dran mit der Kamera, die wie ein zusätzliches Mitglied der Gemeinschaft wirkt, entstehen packende, fast dokumentarische Bilder. Die assoziativ arbeitende Montage unterstützt diesen dokumentarischen Eindruck durch das Insertieren von atmosphärischen Momenten und Details. Das perfekte Zusammenspiel von Laien und Schauspielern schließlich komplettiert diesen stilistisch spannenden Neorealismus, der sich in der zweiten Hälfte dann in eine Art magischen Realismus verändert. Denn hier beginnt sich das moralisch Integre in Person des Lazzaro in einer geisterhaften Existenz zu konservieren. Als moderne Version des biblischen Lazarus inszeniert Rohrwacher ihre Hauptfigur zu einem Heiligen, einem Engel, dem Symbol einer vergangenen Zeit, der Natur und der Verwurzelung. In einem wunderschönen Moment, in dem Orgelmusik aus einer Kirche der Reichen sich einfach der Dorfgemeinschaft anschließt, manifestiert sich die Aura des Religiösen um Lazzaro.
Auf faszinierende Art bricht dieser zweite Teil des Films plötzlich schrittweise auf. Peu à peu verschiebt sich seine Realitätsebene und öffnet sich auf magische Weise den individuellen Lesarten der Zuschauer. Es ist ein Plädoyer für menschliche Gemeinschaft und Zusammenhalt im Angesicht der Skrupellosigkeit des kapitalistischen Systems und seiner Nutznießer. Dieser äußerst intensive Film, dessen herausragender Sound für zusätzliche Spannung sorgt, hat die Jury mit seinen vielschichtigen Bezugsebenen und einer sorgfältigen Gestaltung nachhaltig überzeugt.