Ein bisschen bleiben wir noch

Kinostart: 01.04.21
2019
Filmplakat: Ein bisschen bleiben wir noch

FBW-Pressetext

Bewegendes österreichisches Kino, sensibel erzählt und großartig gespielt.

Das österreichische Drama erzählt die Geschichte von Oscar und Lily, die, als ihre Mutter einen Selbstmordversuch unternimmt, um die Ausweisung nach Tschetschenien zu verhindern, getrennt voneinander zu Pflegefamilien ziehen müssen. Entschlossen tun sie alles, um als Familie wieder vereint zu sein. Mit seinen natürlich aufspielenden Hauptdarsteller*innen und einer Geschichte auf Augenhöhe der kindlichen Protagonist*innen gelingt Arash T. Riahi ein wahrhaftiger und bewegender Film.

Die kindlichen Protagonist*innen in Riahis Film sind keine hilflosen Kinder, denen das Schicksal einfach „passiert“. Sie sind die Held*innen der Geschichte (basierend auf der Romanvorlage von Monika Helfer), die über ihr Schicksal selbst entscheiden. Und der Film stellt diese Entschlossenheit auf verschrobene und menschliche – und damit absolut sympathische - Weise dar. So kann der kleine Oskar zwar mit seiner pragmatischen Lebensansicht nicht wirklich eine gute Beziehung zur Pflegefamilie knüpfen, doch spürt man von Beginn an das starke Band zwischen ihm und der an Parkinson erkrankten Großmutter. Und die zwischen Kind und Jugendlicher stehende Lily ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einem neuen „intakten“ Zuhause und der Sehnsucht nach ihrer eigenen Familie. Dank einer sehr genau arbeitenden Kamera und dem Gespür für den Moment fängt der Film die Nähe zwischen Figuren ein und kann die Zuschauer nachempfinden lassen, wie schwierig die Situation für die Geschwister ist, die Hals über Kopf erwachsen werden müssen und einander brauchen, um so etwas wie Zuhause in der Fremde fühlen zu können. Immer wieder greift Riahi, der auch das Drehbuch verfasst hat, auf Symbole und Metaphern zurück, wie der Mond, der für Hoffnung und Sehnsucht auf eine bessere Welt stehen kann. Der Film spielt mit magischen und teilweise traumhaften Momenten, die dynamische Kamera zeigt die Welt mal in der Schieflage, mal über Kopf. Mit seiner hochaktuellen Geschichte spiegelt der Film auch ein Dilemma unserer Gesellschaft wieder, indem sie Menschen beschreibt, die sich gut fühlen, wenn sie „auf dem Papier“ Gutes tun können – und letzten Endes die Wünsche der Betroffenen überhaupt nicht in ihr Leben integrieren.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Arash T. Riahi
Darsteller:Leopold Pallua; Rosa Zant; Anna Fenderl; Christine Ostermayer; Alexandra Maria Nutz; Markus Zett; Simone Fuith; Rainer Wöss; Ines Miro
Drehbuch:Arash T. Riahi
Buchvorlage:Monika Helfer
Kamera:Enzo Brandner
Schnitt:Julia Drack; Stepan Bechinger
Musik:Karwan Marouf
Webseite:;
Länge:102 Minuten
Kinostart:01.04.2021
Verleih:Film Kino Text
Produktion: WEGA-Film
FSK:6
Förderer:FilmFonds Wien; Österreichisches Filminstitut; Filmstandort Austria

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Das tschetschenische Geschwisterpaar Oskar (Leopold Pallua) und Lilli (Rosa Zant) lebt mit seiner Mutter (Ines Miro) ohne gesichertes Bleiberecht in Österreich. Die Mutter hält dem psychischen Druck, jeden Tag abgeschoben werden zu können, nicht mehr stand und versucht sich umzubringen. Sie wird daraufhin in eine Psychiatrie eingeliefert, während die beiden Kinder bei verschiedenen Pflegefamilien untergebracht werden. Lilli kommt zu einer alleinstehenden Frau, Oskar in eine liberal scheinende Familie mit einem Kleinkind und einer von Parkinson gezeichneten Großmutter. Erzählt wird hauptsächlich aus der Perspektive von Oskar, der sich bald unwohl fühlt in der neuen Familie, die sich auf den zweiten Blick als sehr viel weniger aufgeschlossen erweist als zunächst behauptet. Einzig zur in ihrer Kommunikationskompetenz stark eingeschränkten Großmutter findet Oskar schließlich einen Zugang, während er an der heuchlerischen Pflegemutter und ihren sinnlos scheinenden Geboten immer wieder scheitert. Seine Schwester Lilli macht ähnliche Erfahrungen: hier ist es der Freund der Pflegemutter, der gegen sie Stimmung macht; auch eine neue Schulfreundin ist ihr weniger gut gewogen, als sie naiver Weise annimmt. Die Dinge spitzen sich durch Unglücksverkettung zu, wobei Oskars Überforderung mit seiner Lebenslage eine entscheidende Rolle spielt.

Trotz seines zeitgemäßen und spannenden Themas ist EIN BISSCHEN BLEIBEN WIR NOCH ein eher zäh erzählter und klischeebehafteter Film geworden. Als besonders kritikwürdig fiel der Jury ins Auge, dass sämtliche Erwachsene Stereotype verkörpern, von der alleinstehenden Frau auf Männersuche über die vegetarisch lebende, liberale Ehegattin, die heimlich Wurst isst, bis zur Großmutter, deren Parkinson bedingte Demenz sie nicht daran hindert, mit Oskar eine verschwörerische Komplizenschaft einzugehen. Diesen holzschnittartig angelegten Erwachsenenfiguren gegenüber wirken beide Kinder geradezu unangenehm altklug, was die vielen hölzernen Dialoge noch unterstreichen. Der Aufbau der Konflikte erscheint künstlich und gezwungen, ihre Auflösung in die annähernde Tragödie wenig originell und zwingend. Der Versuch, mit den Mitteln eines magischen Realismus die Phantasie von Heranwachsenden als Zielpublikum anzuregen und zu begeistern, kann ebenfalls nicht überzeugen. Allen Figuren fehlt es entschieden an Nuancen, Dimensionen und Ambivalenzen. Das Ziel des Films, mehr Empathie für Flüchtende zu wecken, kann angesichts dieser Reihung von Stereotypen nur scheitern.