Kurzbeschreibung

Ein Film von Sehnsucht und Wegdriften.
Prädikat wertvoll

Filminfos

Kategorie:Kurzfilm
Gattung:Kurzfilm
Regie:Ann-Kristin Wecker
Darsteller:Simon Schwarz; Sophie Kempe; Noah Matheis
Drehbuch:Paul Schwarz; Ann-Kristin Wecker
Länge:15 Minuten
Verleih:Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf
Produktion: Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

Der Film über einen Jungen und ein Mädchen im heranwachsenden Alter erzählt von Nähe und Distanz zwischen beiden während eines Fahrradausflugs. Thema ist der Geschlechterkampf und die Unsicherheit beim Entdecken der eigenen Sexualität. Die Bilder des nahezu dialoglosen Films sind streng und kühl komponiert. Ton und Darstellung wirken bewusst reduziert. Licht und Lichtspiele scheinen ein Thema des Films, nimmt nach Ansicht einiger FBW-Jurymitgliedern aber zuviel Raum ein. Nach ihrer Ansicht verhält sich die sehr unrealistische Geschichte zu den Protagonisten zu kühl und distanziert. Der Film hätte mehr Seele, mehr Gefühlsregung zeigen sollen, fand die Mehrheit der FBW-Jury, zum Beispiel als der junge Mann die Schnecke mit einem Fußtritt zerquetscht, mit der die junge Frau eben noch zärtlich gespielt hat. Der Unterschied zwischen ihm und ihr kommt nicht deutlich genug herüber, auch nicht, dass sie möglicherweise, wie für dieses Alter typisch, schon ein ganzes Stück reifer ist. Insgesamt wird der Film als manieriert und verrätselt empfunden. Was bedeutet zum Beispiel der nichtssagende Titel „DIM“?

Minderheitsvotum:
Die Beratung der FBW-Jury führte zu einer sehr kontroversen Diskussion über das gerade Gesehene oder das eben Nichtgesehene. Eine Minderheitenmeinung, die sich mit dem Vorschlag „Besonders wertvoll“ nicht durchsetzen konnte, sieht in „DIM“ einen Liebesfilm zwischen zwei heranwachsenden Jugendlichen, die sich auf dem Weg von der Kindheit zum Erwachsenwerden befinden. „DIM“ ist das glänzende Beispiel eines Road Movies, das sehr dynamisch mit dem Lichtspiel der Speichen eines schnell rollenden Fahrrads beginnt und die Fahrradtour mit einer bemerkenswerten Kameraführung eröffnet. Beide Jugendliche haben in ihrer Verspieltheit das Stadium des Kindseins noch nicht richtig verlassen, das Neue noch nicht erreicht – eine Phase des Übergangs, in der noch kindliche Spiele ausgetragen werden, die eigenen Grenzen mit Mutproben austariert werden, um im nächsten Moment die Nähe und Zärtlichkeit des anderen Geschlechts zu suchen, das anscheinend fremd und dennoch irgendwie vertraut ist.
Die scheue Beobachtung des Jungen, während sie mit dem Tankstellenpächter ein Spielchen treibt und der unmittelbaren Entdeckung seiner Eifersucht, in deren Verlauf er aufgeregt auf des Mädchens Fahrrad herumtrampelt, ist in wenigen kurzen Einstellungen meisterlich gelöst. Die darauf folgende Flucht des Mädchens geht einher mit ihrer Neugier, ob er ihr wohl auch folgt, bis sie merkt, dass er sie parallel zu ihr, nur durch die Fensterfront des Gebäudes getrennt, begleitet hat. Schnitt, um in der nächsten Szene auf seiner Lenkstange mit ihm Fahrrad zu fahren. Das hat etwas von zärtlicher Nähe, um eine Einstellung später in der Rutschbahnszene auf die erste sexuelle Erfahrung hinzusteuern, als sie mit offenen Schenkeln die Rutschbahn hinunter auf ihn zu rutscht.
Doch nach so viel Nähe muss man sich in der folgenden Schwimmbadszene wieder ein Stück distanzieren, in dem man sich gegenseitig unter Wasser tunkt, wie es kindliche Nachlaufspiele im Freibad vorsehen. Im nächsten Bild sehen wir beide aus der Ferne am Poolrand nackt ein Stück auseinander sitzend - von einander abgekehrt, wie von der magischen Kehrseite eines Magneten auseinander geschoben. Die offensichtliche Entdeckung der gemeinsamen Sexualität war schon wieder zu viel der Nähe. Man rückt auseinander, geht getrennte Wege, um sich gemeinsam auf dem Dach der Mutproben, distanziert zwar, aber doch gemeinsam wieder zu finden. Steht wieder Nähe als Nächstes auf dem Programm oder Distanz?

Ein Film, der schmunzelnd und zugleich nachdenklich stimmt, die eigene Zeit des Heranwachsens in Erinnerung ruft, die inneren Zerreißproben dieser Übergangszeit nachempfindet. Ein Film, der sich im Kopf des Betrachters abspielt. Vielleicht bei dem einem mehr, bei anderen weniger. Was aber kann ein 16minütiger Kurzfilm, der ohne Dialoge zwischen den Protagonisten auskommt und dabei keinesfalls ein Stummfilm ist, Besseres bewirken?
Aber: Was bedeutet eigentlich der nichtssagende Titel „DIM“?