Die goldenen Jahre

Kinostart: 17.11.22
2022
Filmplakat: Die goldenen Jahre

FBW-Pressetext

Eine deutsch-schweizerische (Un-)Ruhestandskomödie mit Esther Gemsch und Stefan Kurt. Wohlfühlkino mit großem Herz für seine Figuren.

Der Tag, an dem Peter pensioniert wurde, sollte für ihn und Alice eigentlich der Aufbruch in eine schöne und spannende neue Lebensphase sein. Doch irgendwie kommen die beiden plötzlich so gar nicht mehr miteinander klar. Alice ist neugierig auf die Welt, will reisen, neue Menschen kennenlernen – und Peter lieber seine Ruhe. Und als dann auch noch Peter seinen besten Freund mit auf eine Kreuzfahrt nimmt, die eigentlich nur für die beiden bestimmt war, reicht es Alice und sie verlässt das Schiff –allerdings ohne Peter Bescheid zu geben.

Der Film in der Regie von Barbara Kulcsar (Drehbuch: Petra Volpe) erzählt die Geschichte eines Ehepaares in der Krise – genau zu dem Zeitpunkt, an dem das Leben im Grunde noch einmal zu einer ganz neuen Drehung ansetzt. Mit einem genauen Gespür für Pointen und Timing entwerfen Kulcsar und Volpe schmunzelkomische Momente, vergessen dabei nie die existenzielle und auch dramatische Tragweite dessen, was geschieht. Hier werden Drehbuch und Regie durch eine grandiose Darstellung des Ensembles unterstützt, das nicht aus bequemen Figuren besteht, sondern aus echten Charakteren mit Ecken und Kanten. Stefan Kurt als frisch pensionierter – und im Prinzip wegrationalisierter – Arbeitnehmer verkörpert glaubhaft die Resignation eines Menschen, der in solch einer Lebenssituation in ein tiefes Loch fällt. Und Esther Gemsch ist hinreißend als Alice, die lebenshungrig und neugierig ist. Wenn sie sich aufmacht, einen Teil der Welt auf eigenen Beinen zu erkunden und einen Einblick in alternative Lebensmodelle wie etwa eine lesbische Kommune/autarke Frauen-Kommune erhält, dann spürt man, wieviel Kraft und Zauber in ihrem Charakter liegt. Ein Zauber, der durch die klassisch-konventionelle Lebensform der Ehe eher unterdrückt wurde. Auch die Kinder von Alice und Peter haben Probleme im Gepäck. Doch Kulcsar und Volpe überdramatisieren nicht, sondern gehen ehrlich und schnörkellos mit den Konflikten um. Das Tempo der Handlung variiert zwischen humorvollen dynamischen Szenen und kontemplativen Momenten, die ein Innehalten zulassen. Und damit auch ein Reflektieren über die eigene Lebenssituation. Dazu liefert ein kongenialer Soundtrack genau die richtige Unterstützung einer sommerlichen Stimmung. Das alles macht DIE GOLDENEN JAHRE zu einem wunderbaren Wohlfühl-Kinovergnügen mit Tiefgang.

Filminfos

Gattung:Komödie; Spielfilm
Regie:Barbara Kulcsar
Darsteller:Esther Gemsch; Stefan Kurt; Isabelle Barth; Martin Vischer; Ueli Jäggi; Gundi Ellert; Teresa Harder; u.a.
Drehbuch:Petra Volpe
Kamera:Tobias Dengler
Schnitt:Wolfgang Weigl
Musik:Carsten Meyer
Webseite:alamodefilm.de;
Länge:92 Minuten
Kinostart:17.11.2022
Verleih:Alamode Filmdistribution
Produktion: Claussen + Putz Filmproduktion GmbH, Zodiac Pictures;
FSK:6
Förderer:FFA; FFF Bayern

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Coming of Age Geschichten kann man auch über 65jährige erzählen. Das Schweizer Ehepaar Alice und Peter muss im Laufe von DIE GOLDENEN JAHRE lernen, sich auf einen neuen Lebensabschnitt einzustellen. Nur dies ist hier nicht das Erwachsenwerden, sondern der Ruhestand. Peter erfährt schmerzlich den Bedeutungsverlust, der mit seiner Pensionierung einhergeht (sein Büro wird der neue Server-Raum) und Alice wird durch die ständige Anwesenheit ihres Mannes, die keine Nähe, sondern eher ein gegenseitiges Erdulden ist, gezwungen, ihr Verhältnis zu ihrem Mann in Frage zu stellen. All das spielt im Milieu von wohlhabenden Schweizern, und spätestens als das Ehepaar ein Kreuzfahrtschiff besteigt, wird deutlich, dass hier auch eine Luxuswelt ausgestellt wird. So dauert es dann auch eine Weile, bis erkennbar wird, wie ernsthaft und psychologisch plausibel die Regisseurin Barbara Kulcsar und die Drehbuchautorin Petra Volpe ihre Geschichte erzählen, die auf der Bildebene zuerst eher an Produktionen wie DAS TRAUMSCHIFF erinnert. Peter stürzt sich mit Sport und (sehr) gesunder Ernährung in eine Obsession des Jungbleibens und Alice merkt, wie schal und unsinnlich ihr Eheleben geworden ist. Und so kehrt sie nach einem Landausflug in Marseille nicht auf das Schiff zurück, sondern beginnt stattdessen eine Reise im eigentlichen Sinne des Wortes. Dabei lernt sie anderen Frauen und deren Lebensentwürfe kennen, die sich völlig von ihrem unterscheiden. Diese Erfahrungen machen sie reifer. Auch Peter lernt ein Gefühl dafür zu entwickeln, was seine wirklichen Bedürfnisse sind. Erzählt wird dies in der Form einer Komödie, und dabei gibt es äußerst gelungen komische Regieeinfälle. Vor allem die Kinder von Alice und Peter werden mit ihren Reaktionen auf das Verhalten ihrer „unwürdigen“ Eltern komisch gezeichnet. Auffällig ist, wie distanziert Kulcsar zu Beginn ihre Hauptfiguren einführt. Weder Alice noch Peter sind da alles andere als Sympathieträger (Alice ist zum Beispiel so selbstbezogen, dass sie lange nicht merkt, dass ihre Freundin bei einer Wanderung wenige Meter hinter ihr stirbt). Es spricht für die Raffinesse des Drehbuchs, dass man dann durchaus starkes Interesse für die Filmfiguren und ihre Befindlichkeiten entwickelt. Und wenn Alice schließlich in einer antikapitalistischen Frauenkommune landet, kann man sich schon fragen, ob hier nicht eine subversive Filmemacherin am Werke ist, die unter anderem mit Hilfe der sonnig, beschwingten Filmmusik (eine Hommage des Komponisten Carsten Meyer an Burt Bacharach, dazu kommen einige beliebte Italo-Pop-Hits ) ein Feel-Good-Movie inszenierte, dabei aber eine Reihe von emanzipatorischen Botschaften eingeschmuggelt hat.