Der Pfau

Filmplakat: Der Pfau

FBW-Pressetext

Die Verfilmung von Isabel Bogdans gleichnamigen Bestseller-Roman ist ein herrlich bitterböser Kino-Spaß in grandioser Besetzung.

Die Investmentbankerin Linda Bachmann und ihr Team reisen für ein Wochenende nach Schottland auf den Landsitz von Lord und Lady McIntosh. Zweck des Ausflugs ist ein Teambuilding-Seminar, doch die Voraussetzungen für ein entspanntes Wochenende sind nicht besonders gut. Denn nachdem der Hund von Linda den Lieblingspfau der McIntoshs gerissen hat – zumindest sieht alles danach aus – und dann auch noch die Lieblingsgans von Lady Fiona verschwindet, ist die Stimmung im Highland-Herrschaftssitz gereizt. Auch zwischenmenschlich blitzt und kracht es zwischen den Teammitgliedern gewaltig. Denn hier traut keiner keinem.

Es ist ein reizvolles Spiel mit menschlichen Eitel- und Befindlichkeiten, welches der Regisseur Lutz Heineking Jr. und seine Co-Drehbuchautoren Christoph Matieu und Sönke Andresen in DER PFAU, der Verfilmung der gleichnamigen Romanvorlage von Isabel Bogdan entfalten. Durch einen besonderen inszenatorischen Kniff – einer Kamera, die aus der Vogelperspektive das Anwesen abfilmt und sich dann immer wieder auf eine neue Protagonistin oder einen neuen Protagonisten konzentriert – verlieren die Zuschauenden nie den Überblick über das Geschehen und können amüsiert verfolgen, wie sich die Charaktere – wie Spielfiguren in einer klassischen Krimikomödie – in dem wunderbar ausgestatteten und atmosphärischen Setting aufhalten, sich gegenseitig beäugen, ausspionieren und triezen. Die großartige Besetzung vermittelt das vielschichtige Spiel an Spott und Sticheleien auf vergnüglichste Weise: Lavinia Wilson, Svenja Jung, Tom Schilling, Jürgen Vogel, Serkan Kaya und David Kross legen die Klischees von Bankern, Motivationscoaches und überhaupt der prätentiös-selbstverliebten Generation „Übersatt“ wunderbar offen – dazu kommentiert Annette Frier als Köchin und allwissende Erzählerin die Situation kongenial mit süffisant bissigem und zeitweise auch rotzig-abgebrühtem Charme. Um gehörigen Drive zu entwickeln, benötigen die einzelnen Szenen kein überdrehtes Tempo, die Absurdität der Situationskomik wirkt nie comic-haft überzeichnet. Die Kamera von Philipp Pfeiffer und Matthias Schellenberg fängt mit dynamischer Bewegung die urig-verwinkelten Gemächer des Schlosses ein, in denen wirklich jede und jeder einmal wie ein Pfau die Federn spreizen darf.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm; Tragikomödie
Regie:Lutz Heineking jr.
Darsteller:Lavinia Wilson; Jürgen Vogel; Tom Schilling; Serkan Kaya; David Kross; Annette Frier; Svenja Jung; Philip Jackson; Victoria Carling; Domitila Barros; Linda Reitinger; Peter Trabner
Drehbuch:Lutz Heineking jr.; Sönke Andresen; Christoph Mathieu
Buchvorlage:Isabel Bogdan
Kamera:Philipp Pfeiffer; Matthias Schellenberg
Schnitt:Ole Heller
Musik:Kyrre Kvam
Länge:105 Minuten
Kinostart:09.03.2023
Verleih:Tobis
Produktion: MMC Film & TV Studios, eitelsonnenschein GmbH; Tobis Filmproduktion; Frakas;
FSK:12
Förderer:DFFF; Film- und Medienstiftung NRW

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Ort des Geschehens ist der herrschaftliche Landsitz von Lord und Lady McIntosh in Schottland. Etwas abgeschieden, dafür in schönster Landschaft. Um ihr Anwesen über Wasser zu halten, vermieten die Lordschaft ihr eindrucksvolles Gästehaus gerne an gut betuchte ausländische Gästegruppen. So trifft eines Tages die Investmentbankerin Linda Bachmann und ihr Team von vier Bankspezialisten aus Deutschland auf dem Landsitz ein. Unter der Leitung der Seminarleiterin Rebecca sollen sich die Protagonist:innen in einem Rollenspiel besser kennenlernen und auf gemeinsame Ziele konstruktiv einschwören. Dabei schwebt über der Gruppe latent der Verdacht, dass dieses Meeting auch dazu gedacht ist, den einen oder anderen auszusondern. So beginnt ein reizvolles Spiel zwischen Kennenlernen und sich argwöhnisch beäugen und keiner weiß so richtig, woran und mit wem man „so dran ist“. Für den geselligen Teil bei den gemeinsamen Mahlzeiten wurde eigens aus Köln Köchin Helen eingeflogen. Das führt vor allem an den Abenden zur Vertiefung der Kontakte bei Gesang und Tanz und sogar im Whirlpool im Garten. So vergehen die Tage, die auch noch durch einen plötzlichen und heftigen Schneefall verlängert werden. Besondere Aufregung entsteht dabei nur durch das Verschwinden des herrschaftlichen Haus-Pfaus und der Lieblingsgans der Lady. Landeten diese im Kochtopf von Helen?

Nach dem Roman „Der Pfau“ von Isabel Bogdan inszenierte Lutz Heineking Jr. ganz in Stil und Erzähltempo schottischer und britischer Landkrimis dieses Gruppenspiel im Schachformat, nur ohne menschliche Morde. Ein sorgfältiges Drehbuch führt die Charaktere bestens gezeichnet in das Spiel ein. Ein eindrucksvolles Darsteller:innen-Ensemble mit Lavinia Wilson, Tom Schilling, Jürgen Vogel, Annette Frier, Serkan Kaya und David Kross an ihrer Spitze geben dem Spiel den gelungen Drive. Die außergewöhnliche Leistung des Kamerateams Philipp Pfeiffer und Matthias Schellenberger ist besonders hervorzuheben. Das Spiel der Protagonist:innen in den verschiedenen Räumlichkeiten des Gästehauses zu beobachten und dabei mit einem sehr pfiffigen Kommentar zu begleiten, gelingt durch die Drohnen-Kamera, die über dem Dach des Hauses schwebt und sich direkt in genau die Räume darunter beamt, in der gerade wichtige Partien des Spiels abgehen. Der Übergang vom Dach nach unten oder von unten nach oben ist gleichzeitig auch die gute Gelegenheit für den Schnitt und die Montage zwischen den einzelnen Szenarien. Dass die Kamera in den Räumen des Gästehauses bei Tag und Nacht, wie auch bei den Außenaufnahmen im Park und im Wald des Landsitzes, bei Gruppentotalen, bei Nahaufnahmen auf die Gesichter der Protagonist:innen ebenfalls beste Qualitätsarbeit leistet, ist zusätzlich hervorzuheben. Unterstützt wird die Kamera von einer perfekten Lichtarbeit und die abschließende schöne Farbmischung. Und dann noch ein Lob für die hervorragende musikalische Begleitung durch Kyrre Kvam mit den Reminiszenzen für die schottische Volksmusik.

In Abwägung aller Argumente vergibt die Jury gerne das Prädikat BESONDERS WERTVOLL.