Blinde Flecken

Filmplakat: Blinde Flecken

FBW-Pressetext

Der Regisseur möchte weiterdrehen. Der Beleuchter sagt, es bleiben noch zehn Minuten bis zum Tageslicht. Die Assistentin fragt, ob alle fertig sind. Und die Intimitätskoordinatorin redet mit den Darsteller*innen über die rote Linie. Denn was ansteht, ist eine Sexszene. Und die unterliegt gewissen Regeln. Regeln, deren Einhaltung kontrolliert werden muss. Doch kurz bevor es losgeht, unterstreicht der Regisseur noch einmal, dass die letzte Ansage immer seine ist. Glaubt er zumindest. Der Kurzspielfilm BLINDE FLECKEN von Luis Schubert kann in seiner pointierten Dialogführung und seiner effizienten und wendungsreichen Erzähldramaturgie wie eine Blaupause für die Wichtigkeit einer Intimitätskoordinatorin am Set eines Films gesehen werden. Dabei ist es allein filmisch schon eine Kunst, eine Szene mit großem Ensemble auf engem Raum so zu filmen, dass sich die Hektik des Geschehens, der ganze atmosphärische Druck und die zwischenmenschliche Angespanntheit auf so leichte Art vermitteln. Dass das Thema hochaktuell und absolut notwendig ist, zeigen die Fragen, die im Film von den Figuren diskutiert werden: Ab wann ist die „rote Linie“ überschritten? Ist ein „Okay“ wirklich gleichbedeutend mit einer Zustimmung? Wie intim kann und darf dargestellte Intimität sein? Und darf der Regisseur über den Körper einer Schauspielerin entscheiden? Dass all die Fragen nicht moralinsauer aufstoßen, liegt auch an dem überzeugenden Ensemble, das hier eine nachvollziehbare Situation ganz natürlich wirken lässt und somit die Betrachtenden mit jeder Menge Stoff zum Nachdenken entlässt.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Sexszenen im Film kommen schon seit Jahrzehnten nicht mehr nur in Porno- und Erotikfilmen vor, sind also mehr oder weniger alltäglich geworden. Kaum jemand macht sich indes Gedanken über Professionalität, Bedingungen und Zulässigkeit eines solch intimen Drehs. Am Set gilt der Regisseur immer noch als Halbgott und dem ist der erfolgreiche Abschluss mitunter wichtiger als die Würde seiner Schauspieler.

Der Kurzfspielfilm BLINDE FLECKEN begleitet ein internationales Filmteam am Set. Beim Dreh einer Sexszene kommt es dort zum offenen Streit zwischen einer Intimitätskoordinatorin und dem Regisseur. Hautnah lässt Regisseur Luis Schubert seine Zuschauer an einem Konflikt teilhaben, der der Öffentlichkeit sicherlich entgehen würde. BLINDE FLECKEN ist eine gelungene Miniatur über das Leben am Set. Gedränge in der Maske, offene Fragen, Zeitdruck: Äußerst authentisch und atmosphärisch dicht führt Schubert seine Zuschauer an das Set, dann fällt ein Wort, „Horserhythm“ und die Zuschauer beginnen zu verstehen, dass kein ganz „normaler“ Take bevorsteht.

Schuberts Anliegen ist es, einen „blinden Fleck“ des Showbiz kenntlich zu machen. Die Intimitätskoordinatorin hat, ähnlich dem Stuntkoordinator, ein Mitspracherecht am Set, und wird zum Schutz der Schauspieler und Schauspielerinnen eingesetzt. Der Regisseur steht andererseits unter dem Druck, eine möglichst kostengünstige und attraktive Produktion zu liefern.

BLINDE FLECKEN zeigt auch die Grenzen der Koordinatorin auf. Als der Regisseur seinem Schauspieler eine nicht abgesprochene Handlung nahe legt, muss die Intimitätskoordinatorin den Dreh unterbrechen. Dadurch aber tun sich plötzlich und mit aller Macht die althergebrachten Hierarchien und Konventionen des Filmgeschäfts auf. Die Koordinatorin wird auf die nur noch kurze, verbleibende Drehzeit hingewiesen, der betroffene Schauspieler muss sich sagen lassen, er habe die Regieanweisung missverstanden und die betroffene Schauspielerin wagt in Anwesenheit des Regisseurs offenbar nicht zu protestieren, als der behauptet, dass alle Vorgaben eingehalten worden seien.

In der Diskussion zeigte sich, dass für die Jury nicht eindeutig zu klären ist, ob BLINDE FLECKEN leicht ironisch oder im Sinne eines Lehrfilms völlig aufrichtig und wahrhaftig verstanden werden will. Hier wünschte sich die Jury tatsächlich ein wenig mehr Positionierung. Dennoch, besetzt mit durchweg ausgezeichneten Schauspielern und geschrieben und gedreht mit profunder Kenntnis des Filmgeschäfts, zeichnet der Film den Mikrokosmos am Set hervorragend nach und macht all seine Wäg- und Unwägbarkeiten, seine Zwänge und Auflagen sichtbar.

Gerade im Zuge der #metoo-Debatte ist BLINDE FLECKEN ein wichtiger und vor allem ernstzunehmender Film über Entscheidungen, die die Zukunft einer Schauspielerin oder eines Schauspielers ruinieren können. Nach ausgiebiger Beratung entschied die Jury daher, BLINDE FLECKEN das Prädikat „besonders wertvoll“ zu verleihen.