Biohackers / Staffel 2

VÖ-Datum: 09.07.21
2021
Filmplakat: Biohackers / Staffel 2

FBW-Pressetext

Zum Inhalt: Mia kommt nach ihrer Entführung zu sich, ohne jegliche Erinnerung an die Geschehnisse der letzten Monate. Sie findet eine mysteriöse Nachricht, die sie sich selbst hinterlassen hat, und realisiert, dass ihr Leben in akuter Gefahr ist, wenn sie nicht schnell dem Geheimnis ihres Verschwindens auf die Spur kommt. Dafür muss sie sich ausgerechnet mit der Person verbünden, der sie am wenigsten vertraut: mit ihrer Kontrahentin Prof. Dr. Lorenz.

Bewertung: Mit einem ganz besonderen Twist setzt die zweite Staffel der Thriller/Mystery-Serie da an, wo die erste Staffel aufgehört hat. Die Macher*innen rund um Showrunner Christian Ditter lassen sich einiges einfallen, um die Geschichte der ersten Staffel mit ihren Handlungsfäden aufzunehmen und dennoch einen eigenen Spannungsbogen mit neuen Figuren und Storylines zu entwickeln. Durch geschickte Plot-Twists und Cliffhanger sowie ambivalente und spannende Figuren weiß man als Zuschauer*in nie genau, in welche Richtung sich alles entwickeln wird – und so ist die Serie für das Binge-Watching wie gemacht. Auch Staffel 2 nimmt sich essentiellen Themen und Fragen an: Die Macht der Wissenschaft und die Gefahr, sie zu missbrauchen, das ethische Dilemma zwischen einer zukunftsgerichteten Forschung für Alle und der Verantwortung für den Einzelnen. Das sind Themenbereiche mit generationsübergreifender Relevanz, an die man auch ohne Vorwissen andocken kann und die spannende Ansätze für weiterführende Diskussionen liefern können. Der Mix aus Mystery, einer Science-Fiction, die nicht ganz so fern erscheint und einem Thriller wird passend bedient: Gut gewählte und geheimnisvoll wirkende Locations, ein treibender Score, eine dynamische Kamera und ein genaues Gespür für Atmosphäre, dazu eine gehörige Portion Action. Mia als selbstbewusste Persönlichkeit wird als Heldin weiter ausdifferenziert, auch dank dem natürlichen Spiel von Luna Wedler, die Mia mit Ecken und Kanten spielt. Auch Mias WG-Freund*innen werden weiterentwickelt und sorgen, auch durch die gewitzten und schnellen Dialoge, für Leichtigkeit. Und eine Figur wie Tanja Lorenz erhält durch ihre eigene Storyline eine Tiefe und Ambivalenz, die Jessica Schwarz wie schon in der ersten Staffel pointiert und kühl spielt, nun aber mit stärkerem inneren Antrieb. Die neu hinzukommenden Figuren sind perfekt gecastet, vor allem Thomas Kretschmann als Baron von Fürstenberg weiß die Zuschauer*innen bis zum Schluss in Unsicherheit zu wiegen. Im Zusammenspiel von unverbrauchten Jungdarsteller*innen und prominent besetzten Nebenrollen ergibt sich ein harmonisches Ensemble, das in Staffel 2 die Figuren zu Charakteren werden lässt, denen man gerne folgt. Vielleicht ja sogar in eine weitere Staffel.

Fazit: Geheime Experimente, neue undurchsichtige Figuren und die Suche nach der Erinnerung – die zweite Staffel BIOHACKERS ist ein fesselnder Genremix aus Spannung, Mystery und Thriller.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Thriller; Science-Fiction; Mystery; Serie
Regie:Christian Ditter; Tim Trachte
Darsteller:Luna Wedler; Jessica Schwarz; Benno Fürmann; Thomas Kretschmann; Adrian Julius Tillmann; Caro Cult; Jing Xiang; Sebastian Jakob Doppelbauer; Thomas Prenn
Drehbuch:Christian Ditter; Tanja Bubbel; Miriam Rechel
Kamera:Fabian Rösler
VÖ-Datum:09.07.2021
Verleih:Netflix
Produktion: Claussen + Putz Filmproduktion GmbH, Executive Producer: Jakob Claussen + Uli Putz, Christian Ditter und Jake Coburn; Associate Producer: Thomas Klimmer und Veronika Ackermann
Förderer:FFF Bayern; German Motion Picture Fund

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die als Netflix Original produzierte Streamingserie Biohackers ist eine Science-Fiction- und Mystery-Serie, die sich an junge Erwachsene richtet. Die bisher gedrehten zwei Staffeln bauen direkt aufeinander auf, dabei setzt die zweite Staffel die Kenntnis der ersten voraus. Es geht um die 20-jährige Medizinstudentin Mia (Luna Wedler), die sich an der Universität Freiburg in eine gefährliche Welt voller illegaler Gen-Experimente begibt, um den Jahre zurückliegenden rätselhaften Tod ihres Bruders aufzuklären. Ihre Gegenspielerin in der ersten Staffel ist die bekannte Bio-Wissenschaftlerin Tanja Lorenz (Jessica Schwarz), an die sich Mia durch den undurchschaubaren Mitarbeiter Jasper (Adrian Julius Tillmann) heranarbeitet. Unterstützt wird sie durch ihre Wohngemeinschaft, die aus der lebenslustigen Lotta (Caro Cult), der experimentierfreudigen Chen-Lu (Jing Xiang) und dem nerdigen Youtuber Ole (Sebastian Jakob Doppelbauer) besteht. Ebenfalls unterstützt wird sie heimlich durch den Journalisten Andreas Winter (Benno Fürmann), der sie jedoch am Ende ersten Staffel verrät, so dass sie sich zusammen mit Professorin Lorenz als Entführungsopfer wiederfindet.

Die zweite Staffel knüpft an diesen Cliffhanger an: Mia hat ihr Gedächtnis verloren und erinnert sich nicht mehr an die Entführung. Mühsam muss sie mit Hilfe ihrer WG rekonstruieren, was passiert ist, und warum sie nun mit Jasper liiert sein soll, von dem sie sich eigentlich entfremdet hatte. Sie nähert sich ihrer ursprünglichen Gegnerin Tanja Lorenz langsam an, als sich ein neuer Drahtzieher herausstellt: der Wissenschaftsmäzen Baron von Fürstenberg (Thomas Kretschmann). Doch in zahlreichen Wendungen stellt sich heraus, dass wenig ist, was es scheint. Und so wird Baron von Fürstenberg zur ambivalenten Figur und permanenten Herausforderung der Protagonistin.

Zur Begutachtung durch die FBW-Jury lag die zweite Staffel vor, die einige der Anfangsschwächen der ersten Staffel überwunden hat: Die mitunter etwas gestelzt wirkenden Dialoge und überzeichneten Figurenkonzepte sind einer größeren Dynamik und einer eher natürlich und überzeugenden Figurenzeichnung gewichen. Das Milieu der Hochschule und der privilegierten Studierenden erscheint viel nachvollziehbarer motiviert. So kann sich diese Staffel mehr auf die spannenden Wendungen der Paranoiaerzählung konzentrieren und die Charaktere erscheinen zugleich zugänglicher als in der ersten Staffel.

Die Serie erfüllt damit die zu Beginn aufgebauten Erwartungen und vereint Genrekonventionen mit einer originellen und lebendigen Milieuzeichnung. Sie arbeitet dabei mit einem stringent geführten Spannungsbogen, bietet effektive Cliffhänger und mischt zahlreiche Elemente. Mehrere Handlungsstränge werden nachvollziehbar erzählt und dramaturgisch zusammengehalten. Geschildert wird dabei eine Zukunft, die nicht so fern ist, dass wir sie uns nicht vorstellen können.

Auffällig sind die jungen Darsteller*innen, die dem teilweise phantastischen Geschehen ungeachtet ihrer Überzeichnung eine humorvolle und altersgemäße Identifikationsbasis bieten. Neben etablierten Größen wie Jessica Schwarz, Benno Fürmann und Thomas Kretschmann, die ihre Rollengeschichte gekonnt miteinbringen, überzeugen allen voran die Hauptdarstellerin Luna Wedler (bekannt aus Filmen wie Blue my Mind oder Das schönste Mädchen der Welt) und Adrian Julius Tillmann als ihr Freund Jasper.

Die behandelten Themen der Serie (u. a. das Biohacking und -engineering) haben zweifellos Relevanz. Die Vermittlung von Wissenschaftsaspekten leistet die Serie auf clevere Weise, man braucht kein wissenschaftliches Verständnis, um es nachzuvollziehen. Zudem wird auf drei Zeitebenen erzählt, was eine Multiperspektivik ermöglicht. Vorteile, Nachteile und ethische Probleme der Gen-Forschung werden dabei nicht in der Tiefe behandelt und dementsprechend sind Szenen im Labor auch geringer gesät als in der ersten Staffel, allerdings ist auch nicht durchweg die Wissenschaft der Fokus. Jedoch wird Forschung und Wissenschaft von der Inszenierung durchaus ernst genommen und nicht nur als Hintergrund einer Genreerzählung genutzt.

Stilistisch strebt die Serie keinen künstlerisch eigenen Zugang an. Design und Licht erscheinen „amerikanisiert“; eher nicht realistisch, die zweite Staffel baut zudem auf stilistische Genrevorgaben von Thriller-Actionmomenten und Suspense. Mit einem guten Blick für die Locations werden neue Schauplätze eingeführt. Dabei holt die Kamera iel aus dem Schauplatz Freiburg heraus. Vielleicht, so überlegt die Jury, hätte auch eine ästhetische Überambition das Zielpublikum, das mit der spannenden Geschichte angesprochen werden soll, nicht erreicht. Und auf international nachvollziehbare Weise wird ungeachtet der Künstlichkeit des Szenarios vieles charmant vermittelt. Während die erste Staffel ihrem Konzept noch nicht ganz zu vertrauen scheint, baut die zweite Staffel ganz auf generische Spannung, was über einige Unglaubwürdigkeiten hinweghilft. Die Musik konzentriert sich auf den Score, während in erster Staffel noch mehr auf Songs gebaut wurde. Biohackers 2 hat eine durchgehend hohe Erzähldichte, fasert nicht aus, kommt immer zurück zur Hauptfigur. Einige Charaktere, etwa Tanja Lorenz, bekommen in der zweiten Staffel mehr Tiefe zugestanden. Durch den Gedächtnisverlust von Mia werden dabei die Karten neu gemischt, was das Publikum erzählerisch von der ersten in die zweite Staffel herüberzieht. Die Charaktere machen dabei eine deutliche Entwicklung durch, was durch die serielle Erzählform nachdrücklich ermöglicht wird. So werden die WG-Mitbewohner in der zweiten Staffel wesentlicher aktiver und engagieren sich aus Freundschaft zu Mia.

Fazit: Die Serie Biohackers strebt nach einer populären Vermittlung von Wissenschaft, mit der sie den klassischen Faust-Stoff koppelt: Steht es dem Menschen zu, über das Sein zum Schöpfer zu werden? Was ist der Preis dafür? Tanja Lorenz wird dabei zur Faustfigur, Baron von Fürstenberg zu Mephisto. In diesem originell erzählten Rahmen gelingt es, ethische Fragen zu diskutieren, ohne belehrend zu erscheinen. Positiv fällt der selbstverständliche Umgang mit Aspekten der Diversität auf: Es geht primär um Frauen in der Naturwissenschaft. Auch Ethnizitäten kommen vor, ohne identitär exponiert zu werden. Im Laufe der Diskussion überlegte die Jury, ob die Frauenfiguren hier nicht auch mit männlichen Erwartungsklischees versehen sind. Doch auch diesen Diskurs trägt die Serie mit. Auf unterhaltsame Weise ermöglicht Biohackers 2 einem jungen Erwachsenenpublikum, sich mit der Hybris der Wissenschaft, sowie mit philosophischen und ethischen Fragen auseinanderzusetzen. Die Konzentration der Inszenierung liegt weniger auf der Form, als auf der narrativen Vermittlung des Plots. Aktuelle Themen (Youtube-Influencer, Studentenleben, Partydrogen usw.) werden gestreift und kommen den Erwartungen und Erfahrungen des Publikums entgegen. So leistet die deutsche Netflix-Serie Biohackers Staffel 2 eine stets spannende, interessante und unterhaltsame Mischung aus generischen Science-Fiction-Motiven, einer alltagsbasierten Atmosphäre und Mustern des Paranoia-Thrillers für ein junges Zielpublikum.