Atlas

Kinostart: nkT
2017
Filmplakat: Atlas

FBW-Pressetext

Starkes Spielfilmdebüt, das vom Drama eines Mannes erzählt, der nach vielen Jahren durch Zufall seinen Sohn wiederfindet – und nun alles versucht, um ihn vor einem kriminellen Immobilienclan zu schützen.

Walter ist Möbelpacker für Zwangsräumungen. Als ehemaliger Gewichtheber kann er auch jetzt noch mehr schwere Möbel heben als alle seine jüngeren Kollegen zusammen. Doch auch seine Kraft lässt langsam nach. Kündigen will Walter jedoch nicht, seine Arbeit ist alles, was er hat. Doch als er eines Tages bei einer geplanten Zwangsräumung feststellt, dass es sich bei dem Mieter um seinen Sohn Jan handelt, entscheidet Walter, dass er den Weg zurück zu Jan finden muss, den er verlassen hat, als dieser noch klein war. Jan jedoch hat ganz andere Probleme. Ein Immobilien-Clan will ihn aus seiner Wohnung drängen. Zur Not auch mit Gewalt. Walter will alles tun, um Jan zu helfen. Doch als er begreift, wie groß die Gefahr ist, in die er sich damit begibt, ist es schon fast zu spät. David Nawraths Spielfilmdebüt ATLAS entwickelt im Verlauf seiner Handlung eine gewaltige emotionale Wucht und überrascht mit seinen unvorhersehbaren und in großer Ruhe vorbereiteten dramaturgischen Entwicklungen. Dabei wirken die Menschen, Situationen und Dialoge nie gekünstelt oder inszeniert, immer herrscht der Eindruck, hier habe man ein Stück Wirklichkeit eingefangen und in starken Bildern auf die Leinwand gebannt. Als Handlungsort wird Frankfurt am Main in seiner unverbrauchten Rauheit abseits von Hochfinanz und Geldanlagen wunderbar genutzt. Die Kamera von Tobias von dem Borne ist immer ganz nah an den Protagonisten und findet ausdrucksvolle und symbolische Bilder wie etwa am Anfang, als Walter einen Schrank stemmt und somit dem ganzen Film seinen symbolträchtigen Namen verleiht. Rainer Bock bewegt sich als Walter mit stoischem Ausdruck durch den Film. Doch als sein Wunsch, immer unter dem Radar durchs Leben zu gehen, von der Begegnung mit seinem Sohn komplett über den Haufen geworfen wird, merkt man die große Stärke Bocks, die Figur förmlich mit Leben und Energie zu füllen. Auch der Rest des Ensembles überzeugt in Spielgenauigkeit und Authentizität. Uwe Preuss als ambitionierter und überforderter Firmenchef, der mit seinen Leuten zwar einen kumpelhaften Umgang pflegt, aber sich mit den falschen Leuten einlässt; Thorsten Merten als Gerichtsvollzieher, der durch Scheidung und Alkoholsucht eine gebrochene Existenz ist, jedoch sein Leben in der Gewissheit lebt, dass es sowieso nicht mehr besser wird. Und Albrecht Schuch, der Jan als offenen und grundehrlichen Menschen verkörpert, der entschlossen ist, sich gegen den Immobilienclan zu stellen. ATLAS von David Nawrath ist ein starkes Debüt, das mit ruhigem filmischem Fluss einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:David Nawrath
Darsteller:Rainer Bock; Albrecht Schuch; Thorsten Merten; Uwe Preuss; Roman Kanonik; Nina Gummich; Johannes Gevers
Drehbuch:David Nawrath; Paul Salisbury
Kamera:Tobias von dem Borne
Schnitt:Stefan Oliveira-Pita
Musik:Enis Rotthoff
Länge:100 Minuten
Kinostart:
Verleih:Pandora
Produktion: 23/5 Filmproduktion, WDR; Arte;
FSK:12
Förderer:BKM; DFFF; HessenFilm und Medien

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Der 60jährige Walter, ehemals Gewichtheber und seit 30 Jahren Möbelpacker für Zwangsräumungen, ist ein verschlossener Einzelgänger. Er ignoriert seine zunehmenden Schmerzen, die ihm der Knochenjob bereitet, ebenso wie die Leiden der Mietschuldner, in deren Privatsphäre er täglich eindringt. Bei einer Zwangsräumung trifft er auf seinen Sohn Jan, zu dem er seit Jahrzehnten keinen Kontakt hatte, ohne sich ihm erkennen zu geben. Jan gelingt es zunächst mit einem Gerichtsbeschluss die Räumung zu verhindern, doch der Altbau in bester Lage ist Spekulationsobjekt im Besitz eines kurdisch-libanesischen Klans, dem jedes Mittel recht ist, um die letzten Mieter zu vertreiben. Der Versuch Walters, die drohende Gefahr von Jan und dessen Familie abzuwehren, endet in einer Katastrophe.

Der Debütfilm von David Nawrath, der zusammen mit Paul Salisbury das Drehbuch geschrieben hat, ist dramaturgisch klug gebaut und handwerklich gut umgesetzt. Der Film entwickelt eine große emotionale Wucht und wirft einen genauen Blick auf ein Milieu, das nicht oft erzählt wird. Das symbolträchtige Bild des „Atlas“ wird gleich zu Beginn eingeführt, wenn sich Walter einen Schrank auf den Rücken bindet und damit mühsam die Treppen hinabsteigt – er trägt die Last der Welt. Der Film, der sich vom Drama zum Thriller entwickelt, erzählt viel über Bilder und Blicke. Nichts geschieht ohne Grund, wobei keine Wendung konstruiert wirkt. Die Figuren sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, allen voran Rainer Bock als Walter und Thorsten Merten in der ambivalenten Figur des Gerichtsvollziehers. Kamera, Ausstattung, Schnitt, Ton und Musik harmonieren hervorragend miteinander in diesem sehenswerten Männerdrama. Die Jury verleiht ATLAS das Prädikat „besonders wertvoll“.