Filmplakat: Anna

FBW-Pressetext

Der Mensch reflektiert sich gerne selbst in anderen. Spiegelt sich, grenzt sich ab, beäugt sich kritisch, lernt sich zu hassen. Und versucht den Körper mit Gewalt zu verändern, ihn durch Abmagern oder gezieltes Übergeben in eine Form zu pressen. Dünner, schöner, besser, attraktiver. Doch durch den Wahn einer Selbstgeißelung wird der Körper eingesperrt. Und die Seele krank. In ihrem neuen Kurzdokumentarfilm wenden sich die Filmemacherinnen Silke Merzhäuser, Julia Roesler und Katharina Bill diesem hochrelevanten Thema zu, indem sie aus Interviews mit dicken Frauen ein Destillat erarbeiten und diesen Text dann von einer Sprecherin und Darstellerin rezitieren lassen. Auf der tonalen Ebene erfolgt ein sensibler Einblick in die Gedanken von Menschen, die genötigt werden, sich „zu dick“, „falsch“ oder eben „einfach anders“ fühlen und sich mit diesen Gedanken herumquälen. Auf der Bildebene konterkarieren die Filmemacherinnen dieses Gefühl des „Unsichtbarseins“ und zeigen eine dicke Frau (Darstellerin und Sprecherin: Katharina Bill), die sich in all ihrer Schönheit, Nacktheit und Unschuld inmitten einer natürlichen Umgebung bewegt. So erschaffen die Filmemacherinnen eine Verbindung zu jenen, die sich auf der Erzählebene geöffnet haben, und machen die Erfahrungen der Frauen nahbarer. ANNA ist ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm, der auf die einzig mögliche und richtige Art ein wichtiges Thema anspricht: mit Sensibilität, Offenheit und Wärme.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm; Kurzfilm
Regie:Julia Roesler
Darsteller:Katharina Bill
Drehbuch:Silke Merzhäuser; Julia Roesler; Katharina Bill
Kamera:Miriam Tröscher
Schnitt:Miriam Tröscher
Musik:Insa Rudolph
Länge:18 Minuten
Produktion: Werkgruppe2 GbR
Förderer:BKM

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Es geht um den weiblichen Körper, um nackt sein wollen und vor allem darum, dass dick sein für Frauen oft zum Ausschluss aus der Gesellschaft führt. Dies wird in mehreren eher lose verknüpften Szenen vorgeführt. Als Handlungsraum fungiert der Naturraum, vorzugsweise der Wald, in dem sich der von allen Stereotypen befreite weibliche Körper entfalten kann.
Die stark inszenierten, mitunter wie ein Tableau vivant anmutenden Körperbilder werden von einer Stimme begleitet, die von Erfahrungen mit einem Körper erzählen, der wegen seiner den Normen weiblicher Attraktivität strotzenden Konturen nicht anerkannt, sondern diskriminiert wird. Der Körper wird dabei oft nackt gezeigt und verschmilzt mit der Umgebung des Waldes. Immer wieder werden traditionell eher kitschig konnotierte Elemente eingesetzt, die die dargestellte Weiblichkeit als Freiheit individueller Entfaltung erfahrbar machen. Eine Discokugel, die im Wald hängt, ist eines der am stärksten als Inszenierung wahrnehmbaren Elemente. Die strahlenden Facetten der Kugel verweisen auf den Facettenreichtum weiblicher Selbstverwirklichung.
Die Jury war sich einig, im Gutachten darauf hinzuweisen, dass es sich nur bedingt oder zumindest um eine spezielle Form des Dokumentarfilms handelt. Dass es in dem Film nicht um eine Selbsterzählung der Hauptdarstellerin (oder Filmemacherin) geht, sondern um Berichte von Frauen, die von Katharina Bill performativ und in inszenierten Szenen zum Ausdruck gebracht werden, war der Jury zunächst nicht klar. Erst die Informationen zum Film gaben darüber Aufschluss.
Da es die Bezeichnung des performativen Dokumentarfilms ja gibt, wäre der Zusatz performativ vielleicht hilfreich, um die Verbreitung dieses Films plausibler und erfolgreicher zu machen, der von der Jury aufgrund seiner aufgeführten Qualitäten und in Abwägung aller Argumente mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet wurde.