SPK Komplex

Kinostart: 19.04.18
2018
Filmplakat: SPK Komplex

FBW-Pressetext

Sorgfältig aufbereiteter und hochspannender Dokumentarfilm von Gerd Kroske über das „Sozialistische Patientenkollektiv“ (SPK), das sich Anfang der 1970er Jahre gegen die Behandlung von psychisch Kranken in deutschen Krankenhäusern auflehnte.

„Im Sinne der Kranken kann es nur eine zweckmäßige Bekämpfung ihrer Krankheit geben, nämlich die Abschaffung der krankmachenden privatwirtschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft.“ Dies sagte Wolfgang Huber im Juni 1970. Huber war Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg. Bis er genug hatte von der Behandlung der Patienten, die in seinen Augen nur repariert werden sollten, um sie schnellstmöglich wieder in die Gesellschaft zu integrieren – damit sie in ihr funktionieren können. Und so gründet Wolfgang Huber zusammen mit den Patienten das „Sozialistische Patientenkollektiv“. Zwischenzeitlich hat das Kollektiv 500 Mitglieder, es besetzt ein Haus in Heidelberg und hält Einzel- und Gruppensitzungen ab. Doch im Jahr 1972 wird das SPK zur „terroristischen Vereinigung“ erklärt, auch wegen einer Nähe zur RAF, die die Justiz entschieden versucht, nachzuweisen. Aber ist jede Revolution gegen das System gleichzusetzen mit Terror? Und wie ging es mit der SPK weiter nach Hubers Verhaftung und seiner Entlassung nach viereinhalb Jahren. Wie denken die damals Beteiligten heute? Und wie die Justiz? Der Filmemacher Gerd Kroske geht all diesen Fragen auf den Grund. Sein Dokumentarfilm SPK KOMPLEX ist dabei mehr als das ausführliche Porträt eines revolutionären Kollektivs. Es ist ein Einblick in ein Deutschland im „Vorherbst“, wie Kroske es selbst bezeichnet, und damit auch eine hochspannende Geschichtslektion. Kroske lässt viele Beteiligte auf beiden Seiten zu Wort kommen: ehemalige SPK- und RAF-Mitglieder, Wegbegleiter, aber auch Gegner Hubers. Nur Huber selbst kommt nicht zu Wort, da er nach seiner Haft untergetaucht ist. Dennoch gelingt es dem Film, Huber ständig präsent zu halten, durch Ton- und Bildaufnahmen – und natürlich die Erinnerungen der Interviewten. Die aufwändige Recherche sowie die komplexe und detailreichen Aufarbeitung der Materialien machen SPK KOMPLEX zu einem dokumentarischen Gewinn.

Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Gerd Kroske
Drehbuch:Gerd Kroske
Kamera:Anne Misselwitz; Susanne Schüle
Schnitt:Stephan Krumbiegel; Olaf Voigtländer; Angelika von Chamier
Musik:Sounding Situations
Webseite:spk-komplex-film.de;
Länge:111 Minuten
Kinostart:19.04.2018
Verleih:Salzgeber & Co.
Produktion: realistfilm Gerd Kroske, Rundfunk Berlin-Brandenburg;
Förderer:BKM; MBB; DFFF; FFHSH; Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern

Jury-Begründung

Prädikat wertvoll

1961 wurde Wolfgang Huber Medizinalassistent, promovierte 1962 zum Dr. med und wurde im Jahre 1964 Assistenzarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. Waren es seine Erkenntnisse an dieser Klinik oder Berichte über den allgemeinen Zustand der Psychiatrie in der BRD, die teilweise als grauenhaft beschrieben wurden, welche ihn veranlassten, 1970 das „Sozialistische Patientenkollektiv“(SPK) zu gründen, was auch seine Entlassung von der Universität Heidelberg zur Folge hatte. Was waren die Ziele Hubers und der SPK? Das Kollektiv wollte weg von der „Verwahr-Psychiatrie“, es forderte neue innovative Therapiemethoden wie Selbstorganisation der Patienten und Aufhebung der Trennung von Patienten und Ärzten. Heidelberg stellte der SPK Therapieräume zur Verfügung und der Zulauf des Kollektivs auf rund 500 Mitglieder ging rasant. Politische Forderungen folgten und eine teilweise Radikalisierung, die auch in eine Verbindung zur RAF führten.
Gerd Kroskes großer Verdienst ist, sich eines Themas deutscher Geschichte angenommen zu haben, das in Vergessenheit geraten ist und auch nie filmisch aufgearbeitet wurde.
Entstanden ist ein extrem wichtiger und sehr komplexer Dokumentarfilm im besten klassischen Typus. Der Tonmitschnitt eines Teach-Ins an der Universität Heidelberg im Herbst 1970 ist ein erschütterndes Dokument des Seelenzustandes Hubers und gleichzeitig Kern eines Films, der assoziativ aus verschiedenen Aspekten und Kommentaren unterschiedlicher Zeitzeugen sich dem Thema annähert. Die Auswahl der Protagonisten vor der Kamera deckt den ganzen Bogen von SPK-Mitgliedern, auch ehemals Inhaftierten, dann Richtern, ehemaligen Kripo- Beamten und Rechtsanwälten, ab. In keiner Weise kann man dem Film unterstellen, er wäre parteiisch oder manipulativ. Doch eine etwas straffere Montage des sehr langen Films und – so die Meinung der Jury – der Verzicht auf den „Nebenschauplatz“ der Flüchtlingssituation in Italien hätten dieser sonst spannenden Dokumentation in ihren Augen gut getan.