Nachlass

Kinostart: nkT
2017
Filmplakat: Nachlass

FBW-Pressetext

Es beginnt mit dem Durchschauen von Unterlagen, Koffern, Schränken. Es beginnt mit dem, was ein Mensch der nächsten Generation hinterlässt. Oftmals werden so Erinnerungen wachgerufen. Doch manchmal entstehen auch Fragen. Wie bei dem Mann, der entdecken muss, was ihm vorher so nicht klar war: Dass sein Großvater bei den Nationalsozialisten ein ranghoher Offizier war. Der die Tötung von vielen Menschen befohlen hat. Er entscheidet sich, dies in seiner Rolle als Filmemacher zu verarbeiten. Auch seine Mutter muss sich dieser Frage stellen. Doch sie entscheidet sich für einen anderen Weg und trifft auf den Sohn eines Holocaust-Überlebenden. Die beiden tauschen sich aus und sprechen über die Vergangenheit und eine Geschichte, die sie nicht selbst erlebt haben. Und die sie doch für immer vereint. In Berlin wiederrum spricht eine junge Frau aus Israel in der Dauerausstellung „Topographie des Terrors“ über die Täter. Obwohl sie selbst die Enkelin eines Opfers ist. Andere Protagonisten und Situationen treten nach und nach hinzu. Die Filmemacher Christoph Hübner und Gabriele Voss stellen in ihrem Dokumentarfilm NACHLASS auf kluge und sensible Weise die Perspektiven all dieser Menschen gegenüber und nebeneinander und zeigen, dass dies möglich ist. Je näher sie ihren Protagonisten und den Geschichten kommen, desto stärker wird auch der Zuschauer ein Teil dieser Geschichte und kann mit großer Ruhe über eigene Fragen bezüglich des Themas reflektieren. Der Film lässt sich Zeit für die Gespräche mit den Betroffenen und so gelingen große auch emotionale Momente, etwa wenn die junge Frau aus Israel über ihre erste Reise nach Auschwitz zusammen mit einer deutschen Reisegruppe erzählt und diese dann ihrer zweiten Reise, gemeinsam mit ihrem Großvater, entgegensetzt. Nicht nur zeigt der Film auf hochberührende Weise und ganz ohne Pathos, wie tiefgreifend die Last der Schuld und die Last der Opfer auch auf den Schultern der nachfolgenden Generationen ruht. NACHLASS ist ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur und dazu eine ebenso wichtige Mahnung an das Hier und Jetzt.
Prädikat besonders wertvoll

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Filminfos

Gattung:Dokumentarfilm
Regie:Christoph Hübner; Gabriele Voss
Drehbuch:Christoph Hübner; Gabriele Voss
Kamera:Christoph Hübner
Schnitt:Gabriele Voss
Musik:Gilad Hochman
Länge:108 Minuten
Kinostart:
Verleih:W-film
Produktion: Christoh Hübner Filmproduktion Christoph Hübner

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

Der Dokumentarfilm NACHLASS widmet sich anhand von Zeugeninterviews aus unterschiedlichen Generationen der Aufarbeitung der Verbrechen des Holocaust während der Nazizeit aus der Perspektive von Täter- und Opferfamilien. Dabei wird deutlich, wie sich das Trauma beider Gruppen, Opfer und Täter, auch zwei Generationen später nicht verflüchtigt hat, sondern subtil weitergegeben wird.
Formal arbeitet der Film mit unkommentierten Impressionen einer Ausstellung im Entstehen: in der Konzentrationslager-Gedenkstätte Buchenwald. Und wir erleben eine Führung durch die Berliner Ausstellung‚Topographie des Terrors‘ mit der israelischen Historikerin Adi Kantor. Dazu kommen Nachfahren von SS-Tätern, die unterschiedlich mit diesem Nachlass umgehen, als Künstler, als Filmemacher oder als Aktivisten.
Formal überzeugt der Dokumentarfilm mit einem dezenten, aber sehr atmosphärischen Musikeinsatz, der sich mit den oft meditativ-ruhigen visuellen Impressionen ergänzt. Trotz minimalistischer Technik kann der Film so einen eigenen, genuinen Filmemacherstandpunkt zum Thema verdeutlichen, der neben den geäußerten Meinungen steht und den Zuschauer zur Stellungnahme herausfordert. Er ist so involvierend, stellt persönliche Fragen, u.a. danach, was das letztlich mit uns zu tun hat. NACHLASS ist auf diese Weise auch selbstreflexiv in der Wahl seiner filmischen Mittel. Dabei vermeidet er den ethischen Imperativ, der bei dem Thema möglicherweise nahe gelegen hätte.
NACHLASS löste eine intensive Diskussion in der Jury aus, denn fraglich ist, wie breit das Publikum hier angelegt ist. Wer soll den Film letztlich sehen? Kritisiert wurde, der Film sei etwas unausgewogen in der Auswahl der Personen und in der Platzierung von unterschiedlichem Filmmaterial. Andere Stimmen sprachen von einer offenen Komplexität des Films, die gerade als Vorzug zu werten sei. Wichtig erscheint der in den Film hineingebrachte Zuschauerstandpunkt, der möglicherweise einen fruchtbaren Zugang zum Film ermöglicht.
Nach kontroverser Diskussion hat die Jury mehrheitlich folgendes Prädikat vergeben: besonders wertvoll.