Mayday Relay

Filmplakat: Mayday Relay

FBW-Pressetext

Ein Vater segelt mit seiner Tochter auf dem Mittelmeer, als er den Notruf eines unweit gelegenen Schiffes erhält. Wie sich herausstellt, sind beinahe 100 Menschen an Bord – Flüchtlinge, die die riskante Überfahrt nach Europa auf sich genommen haben. Schnell wird beiden bewusst, dass sie bei der Hilfe auf sich allein gestellt sind. Dem Vater ist klar, dass sie sich dabei selbst in große Gefahr begeben, doch die Tochter pocht darauf zu helfen. In MAYDAY RELAY verhandelt Regisseur Florian Tscharf moralische Pflicht in einer Extremsituation anhand eines aktuellen Themas. Inszenatorisch geht er dabei äußerst sicher vor. Über die kurzen Funkkontakte werden allmählich Informationen gestreut, die im Zusammenspiel mit längeren und ruhigeren Passagen Spannung generieren. Auch darstellerisch bewegt sich der Film auf sehr hohem Niveau: im besorgten Gesicht des Vaters, von Rainer Sellien eindringlich gespielt, spiegelt sich der unüberbrückbare Zwiespalt zwischen der Verantwortung zum Handeln und dem Wunsch, sich der Situation aufgrund eines Sicherheitsbedürfnisses für sich und seine Tochter so schnell wie möglich zu entziehen. Und Odine Johne beweist einmal mehr, wie beeindruckend ihr Spiel ist, wenn sie hin und hergerissen ist zwischen dem Wunsch zu helfen, und dem Erkennen, genau das nicht leisten zu können. Mit MAYDAY RELAY gelingt dem Nachwuchsfilmemacher ein hochaktueller, kluger und in allen Belangen sehr reifer Film, der ein großes Versprechen für weitere Werke des Regisseurs gibt.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama; Kurzfilm
Regie:Florian Tscharf
Darsteller:Rainer Sellien; Odine Johne
Drehbuch:Florian Tscharf
Kamera:Fabian Gamper
Schnitt:David Kuruc
Länge:14 Minuten
Verleih:Filmakademie Baden-Württemberg
Produktion: Florian Tscharf, Filmakademie Baden-Württemberg;
Förderer:Filmakademie Baden-Württemberg

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Wie wenig es manchmal für gutes und spannendes Kino braucht, das führte vor einigen Jahren JC Chandor in seinem Film ALL IS LOST mit Robert Redford in der Hauptrolle vor: Ein Mann und ein Segelschiff, mehr benötigte es nicht. Sehr viel mehr ist es auch bei Florian Tscharfs MAYDAY RELAY nicht - und doch gelingt hier das gleiche Kunststück wie bei der gerade genannten US-Großproduktion - ein spannendes Drama, das hier sogar noch die großen Fragen unserer Zeit thematisiert und in einen glaubwürdigen Konflikt gießt.

Ein Vater und seine Tochter sind mit den Segelschiff auf dem Mittelmeer unterwegs, als sie eines Nachts ein Funkspruch erreicht: Ein Schiff mit rund 100 Menschen an Bord ist in Seenot geraten und ruft um Hilfe, offensichtlich handelt es sich dabei um ein Flüchtlingsboot. Immer wieder reißt der Funkkontakt ab, und nur mit Mühe können Vater und Tochter die Koordinaten des Kahns in Seenot herausfinden. Auf den von ihnen weitergegebenen Hilferuf meldet sich ein weiteres Schiff und versichert, ebenfalls Kurs auf die vermutete Unglücksstelle zu nehmen, doch das wird sich als Trugschluss herausstellen. Und so sehen sich Vater und Tochter einem unlösbaren Dilemma gegenüber: Sollen sie helfen? Oder riskieren sie nicht vielmehr den eigenen Untergang, weil es viel zu viele Menschen sind, die sie niemals auf ihrem kleinen Schiff unterbekommen werden? Geraten sie in Panik? Werden sie vielleicht sogar selbst von den verzweifelten Menschen angegriffen werden? In dieser Situation entscheidet sich der Vater - auch aus Verantwortung seinem Kind gegenüber - für ein Machtwort, doch seine Tochter ist damit überhaupt nicht einverstanden.

Selten wurde die „Flüchtlingskrise“ und die Entscheidungen so eindrücklich in einem Film gepackt, wie dies hier der Fall ist - und das, obwohl der Zuschauer keinen einzigen Flüchtling zu sehen bekommt. Ganz ohne erhobenen Zeigerfinger, aber mit eindrücklichen Spiel, präzisen Dialogen und einer einfallsreichen Kamera katapultiert der Film den Zuschauer unweigerlich zu der Fragestellung „Wie würde ich mich entscheiden in einer Situation wie dieser?“ Und es gehört zu den weiteren Stärken von MAYDAY RELAY, dass der Film selbst keine Antwort auf diese Frage gibt, sondern den Diskurs völlig offen und neutral hält, ohne dabei einen Hehl aus seiner Empathie für die verschiedenen Positionen zu machen.