Jugend ohne Gott

Kinostart: 31.08.17
2017
Filmplakat: Jugend ohne Gott

FBW-Pressetext

Unser Land in einer Zeit, nicht allzu fern von heute: Nadesh ist entschlossen, über ihre Grenzen zu gehen, um im Rahmen eines Sportcamps einen der wenigen Stipendiatsplätze einer Elite-Uni zu ergattern. Doch nicht jeder in der Gruppe denkt so. Zach zeigt wenig Begeisterung für die Hochleistungsgesellschaft, die im Camp gefordert und gefördert wird. Zudem hat er gerade seinen Vater verloren und möchte am liebsten so wenig Zeit wie möglich in der Gruppe verbringen. Selbst sein Klassenlehrer, der Zachs Verhalten besorgt beobachtet, kommt nicht an ihn heran. Nadesh findet Zach faszinierend. Doch sie spürt auch, dass er mit seinen eigenwilligen Ansichten das Gruppengefüge durcheinander bringen könnte. Und so etwas wie unkontrolliertes Verhalten kann die Gesellschaft, in der Nadesh und Zach funktionieren sollen, nicht tolerieren. In seinem neuen Film JUGEND OHNE GOTT, frei nach der gleichnamigen Romanvorlage von Ödön von Horváth, entwirft Regisseur Alain Gsponer eine bedrohlich nah wirkende Dystopie. Durch das multiperspektivische Erzählmuster erhält die Geschichte rund um eine Gruppe junger Menschen, die in einer Zweiklassengesellschaft aufwachsen, zusätzliche Spannung. Die Kulisse des hermetisch abgeschlossenen Camps zwischen Bergen und Wäldern liefert mithilfe der Kamera von Frank Lamm großartige Bilder, dazu kommt eine authentisch konstruierte Stadtkulisse der Zukunft, die auch im Hier und Jetzt verortet sein könnte und dadurch gespenstisch nah wirkt. Genau wie Farb- und Lichtsetzung unterstreicht auch die Musik kongenial die Atmosphäre der permanenten Bedrohung. Anna Maria Mühe als eiskalte Trainingslehrerin und Fahri Yardim, als Lehrer zwischen moralischer Integrität und dem Gedanken an den eigenen Vorteil, spielen ihre Rollen überzeugend und stark. Doch der Kern der Geschichte liegt bei den jugendlichen Figuren, die von der ersten Riege deutscher Jungdarsteller verkörpert werden. Ob Jannis Niewöhner als Kämpfer gegen das System, Emilia Schüle als Ausgestoßene, Jannik Schümann als snobistisch verbissener Egomane und Alicia von Rittberg als verzweifelt Ehrgeizige – sie alle verkörpern die Archetypen, für die sie stehen, intensiv, glaubwürdig und kraftvoll. Das Szenario, welches die Figuren in einer Art Versuchsanordnung durchleben, ist erschreckend aktuell und wirkt ungeheuer authentisch. Durch eine klug gebaute Dramaturgie und den permanenten Erzählperspektivwechsel werden geschickt Informationen und Hinweise versteckt oder offenbart. Dies alles gipfelt in einem spannungsgeladenen und überraschenden Ende, welches vielleicht sogar die Hoffnung auf einen Neuanfang fernab des Systems verspricht. JUGEND OHNE GOTT ist starkes deutsches Kino. Ein überzeugender und mitreißender Genremix, der mit packender Spannung unterhält und mit seiner hochaktuellen Gesellschaftskritik zum Nachdenken anregt.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Alain Gsponer
Darsteller:Jannis Niewöhner; Emilia Schüle; Anna Maria Mühe; Fahri Yardim; Alicia von Rittberg; Jannik Schümann
Drehbuch:Matthias Pacht; Alex Buresch
Buchvorlage:Ödön von Horváth
Kamera:Frank Lamm
Schnitt:Tobias Haas; Melanie Landa
Webseite:facebook.com;
Jugend Filmjury:Lesen Sie auch, was die Jugend Filmjury zu diesem Film sagt...
Länge:113 Minuten
Kinostart:31.08.2017
Verleih:Constantin Film Verleih GmbH
Produktion: die film gmbh, in Co-Produktion mit Constantin Film;
FSK:12
Förderer:FFA; FFF Bayern; DFFF

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

Diese sehr freie Interpretation des gleichnamigen Romans von Ödön von Horváth spielt in einer zukünftigen Gesellschaft, in der alles auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet ist. Die „Leistungsträger“ leben in einer Luxuswelt, müssen dafür aber mit ständiger Überwachung und gnadenlosem Konkurrenzkampf existieren. Die „Leistungsempfänger“ sind in Slums verbannt und überleben dort in prekären und chaotischen Zuständen. Eine Gruppe von Schülern macht in einem Hochleistungscamp in den Bergen einen Wettbewerb, bei dem herausgefunden werden soll, welche Teilnehmer sich am besten für eine Ausbildung eignen, die ihnen Zugang zur Elite des Landes sichern wird. Der Schüler Zach stellt als einziger dieses System der radikalen Aussonderung der Schwächeren in Frage. Die ehrgeizige Nadesh versucht, mit ihm eine Freundschaft zu beginnen, doch er ist mehr an der unangepassten Ewa interessiert, die mit einer Gruppe von Jugendlichen illegal in dem Waldgebiet herumzieht und kleinere Diebstähle ausführt. Unter den Protagonisten, zu denen auch ein verständnisvoller, aber schwacher Lehrer und ein Schüler, der um jeden Preis gewinnen will, zählen, kommt es zu einer dramatischen Entwicklung, die zu einem gewaltsamen Tod und einer Gerichtsverhandlung führt.
Alain Gsponer erzählt diese Geschichte in mehreren Teilen jeweils aus der Perspektive eines der Protagonisten, sodass die Geschehnisse mehrfach, jeweils mit neuen, tieferen Bedeutungsebenen durchgespielt werden. Diese ungewöhnliche Erzählform sorgt zuerst für Irritation, doch spätestens nach der Hälfte des Films entwickelt die Dramaturgie dann doch eine beachtliche Sogwirkung. Geschickt werden Informationen vorenthalten, falsche Fährten gelegt und überraschende Plotwendungen aus dem Hut gezogen. So funktioniert der Film auf einer Ebene als spannender Thriller, der mit einer hochkarätigen Besetzung punkten kann, zu der einige der zurzeit interessantesten jungen deutschsprachigen Darsteller zählen. Und die dystopische Welt, in der JUGEND OHNE GOTT spielt, ist eine glaubwürdige Weiterführung von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich haben sich extrem vergrößert und die Menschen haben auf dem Arbeitsmarkt nur dann eine Chance, wenn sie sich ständig optimieren. Die Mittel ihrer digitalen Überwachung, u. a. durch fliegende Drohnen und implantierte Peilsender wären weitgehend schon mit der Technologie von heute möglich, und so unterscheidet sich diese Zukunft äußerlich kaum von unserer Gegenwart. Nur der Zerfall in den Wohngebieten der Armen wird mit drastischen Bildern illustriert, die wohl nicht zufällig an den Film BLADE RUNNER erinnern. Es gibt einige irritierend schöne Bildfindungen wie etwa ein Hinweisschild auf einer Autobahn, auf der nicht wie üblich Ortsnamen, sondern die Kürzel für die verschiedenen Bezirke einer Region stehen. Gsponer traut sich, von Horváths Roman radikal zu modernisieren, indem er einzelne Handlungsstränge und Motive daraus übernimmt und die gesellschaftskritischen Fragen, die der Autor 1938 angesichts der Entwicklung der Jugend im Dritten Reich stellte, im Kontext der modernen, digitalen Welt neu verhandelt. Dabei ist ihm ein intelligent konstruierter, packend erzählter undpolitisch provokanter Film gelungen.