Homework

Filmplakat: Homework

FBW-Pressetext

Ein Springseil fliegt durchs Bild. Ein nackter Männeroberkörper. Muskeln werden trainiert. Dann knallt ein Vokabelheft auf den Boden, direkt vor die Nase eines jungen Mannes, der seine Liegestütze macht. Ein Mädchen, seine Tochter, legt sich daneben. Dann werden Englischvokabeln konjugiert. Als alles erledigt ist, streift der Vater sich einen Bademantel über, begibt sich in ein Treppenhaus und dann durch lange Flure auf eine Bühne. Diese Bühne wird verdeckt durch einen goldenen Glitzervorhang. Durch den seine Tochter ihn heimlich beobachtet. Im Zentrum des knapp siebenminütigen Kurzspielfilms von Annika Pinske steht die Beziehung zwischen Vater und Tochter, die eindrucksvoll von Tim Kalkhof und Emma Brüggler verkörpert werden. Als Zuschauer spürt man, wie wichtig ihnen die Zeit ist, die sie miteinander verbringen und die doch begrenzt zu sein scheint. Pinske vertraut auf ihre Darsteller, bleibt mit der Kamera ganz nah bei ihnen. Auch bei dem verrucht-glitzernden Auftritt des Vaters weicht sie den Protagonisten kaum von der Seite und zeigt die verstohlen neugierigen Blicke der Tochter. So entsteht Nähe und eine Intimität, die die beiden zusammenschweißt. Die Dialoge sind knapp und doch kann man durch eine von Blicken und Gesten erzeugte Stimmung die Geschichte von Vater und Tochter verstehen. Ein exakt durchkomponierter, in sich geschlossener Kurzfilmkosmos, zärtlich erzählt und gespielt. So geht Kurzfilmkino!
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Kurzfilm
Regie:Annika Pinske
Darsteller:Tim Kalkhof; Emma Brüggler
Drehbuch:Annika Pinske
Kamera:Ben Bernhardt
Schnitt:Claudia Trost
Musik:Marie Kamutzki
Länge:6 Minuten
Verleih:DFFB
Produktion: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin GmbH (DFFB), Pennyboth Productions GbR;
Förderer:dffb

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Es ist erstaunlich, was in nur sieben Filmminuten erzählt werden kann. In HOMEWORK gelingt es Annika Pinske, eine komplizierte Familiensituation einfühlsam, bewegend, dramaturgisch geschickt und filmisch originell darzustellen. Durch die Art, wie sie langsam immer mehr Informationen über das Verhältnis ihrer beiden Protagonisten preisgibt, schafft sie eine ganz eigene Spannung. So wird immer deutlicher, wie vertraut das Verhältnis zwischen dem jungen Vater und seiner zwölfjährigen Tochter ist. Er trainiert seine Muskeln, während sie ihre Hausaufgaben macht und sich dabei von ihm helfen lässt. Wie dekliniert man das Verb „to love“? Das ist hier auch eine programmatische Frage. Pinske hat es nicht nötig, überdeutlich zu werden oder zu erklären. Sie zeigt in ihren atmosphärisch reichen Bildern, wie liebevoll die beiden miteinander umgehen. Die Tochter hilft ihrem Vater bei seinen Übungen, wobei deutlich wird, dass die beiden dies schon oft zusammen gemacht haben. Und es gibt spielerische Rituale wie die Parodie des Vaters einer Szene Robert de Niros in WIE EIN WILDER STIER. Wenn die Kamera mit dem Vater den Raum verlässt, wird deutlich, in welchem Beruf er eigentlich arbeitet. Deswegen müssen beide die Mutter des Mädchens anlügen, wie durch einen kurzen Dialog während des Wegs zur Übergabe des Kindes deutlich wird. Das zärtliche Verhältnis zwischen den beiden ist also bedroht, und dadurch werden die im Film gezeigten Momente umso kostbarer. Und genauso hat Pinske sie auch inszeniert: die gut gecasteten Darsteller wurden so geführt, dass ihr Verhältnis zueinander absolut natürlich wirkt, bei der ausgefeilten Kameraarbeit wurde genau kalkuliert, was, was nicht und was wann gezeigt wird und sowohl der Anfang wie auch das Ende sind perfekt gesetzt.