Enklave

Kinostart: 16.02.17
VÖ-Datum: 18.08.17
2015
Filmplakat: Enklave

FBW-Pressetext

Kosovo, zehn Jahre nach dem Ende des Krieges. In einer kleinen serbischen Enklave leben nur noch wenige Familien, darunter auch der 10-jährige Nenad, zusammen mit seinem Vater und seinem Großvater. Jeden Morgen wird Nenad mit einem KFOR-Panzer zur Schule gefahren. Doch dort ist er mittlerweile der einzige Schüler. Kontakt zu Gleichaltrigen hat er kaum, er sieht sie nur aus dem Panzer, wenn er vorbeifährt und die anderen ihn mit Steinen bewerfen. Als Nenads Großvater immer schwächer wird, bittet ihn sein Vater, Nenads Tante in Belgrad zu suchen. Denn die Familie muss da sein, wenn jemand stirbt. Außerdem soll der Priester geholt werden. Der jedoch weiß, wie gefährlich es ist, sich zwischen den Grenzen zu bewegen. Denn der Krieg mag vorbei sein – doch der Hass der Menschen aufeinander ist noch da. Und er macht auch vor Kindern nicht halt. Der Film von Goran Radovanovic über einen immer noch andauernden Konflikt in Europa, erzählt seine Geschichte unaufgeregt und sachlich. Und doch ist man als Zuschauer tief berührt vom Schicksal des Jungen Nenad, der stellvertretend für eine Generation Kinder steht, die sich, geprägt vom Krieg der vorhergehenden Generationen, ihre eigene ganz neue Identität schaffen müssen und als Unschuldige nichts können für das, was geschehen ist. Tatsächlich gelingt es Nenad, überzeugend von Filip Subaric verkörpert, sich mit zwei albanischen Jungs anzufreunden und die Nähe zu einem Jungen zu suchen, dessen Eltern von Serben getötet wurden. Der Film versetzt sich konsequent in die Perspektive des Jungen, er trägt die Story, ihm folgt man gebannt. Auch der Rest der Figuren, ob Nenads Vater, der Priester, seine Tante, werden von den Darstellern eindringlich und glaubhaft verkörpert. ENKLAVE verortet seine Geschichte nicht konkret, eine dramatische Zuspitzung der Ereignisse gibt es nicht, es sind die leisen Töne, die die Schwierigkeit und auch Unauswegbarkeit der Situation realistisch und fast dokumentarisch vermitteln. ENKLAVE ist ein eindringlicher Film über den Alltag einer Kindheit inmitten eines Nachkriegsgebiets. Und über Freundschaften, die über Grenzen hinweg möglich sind.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Goran Radovanovic
Darsteller:Filip Šubarić; Denis Muric; Nebojsa Glogovac; Miodrag Krivokapic; Anica Dobra; Meto Jovanovski; Goran Radaković; Qun Lajçi; Nenad Jezdic; Dunja Cince
Drehbuch:Goran Radovanovic
Kamera:Axel Schneppat
Schnitt:Andrija Zafranovic
Musik:Eleni Karaindrou; Irena Popovic
Webseite:enklavafilm.com;
Länge:86 Minuten
Kinostart:16.02.2017
VÖ-Datum:18.08.2017
Verleih:Barnsteiner
Produktion: Sein+Hain Film GmbH, Nama Film; ZDF; ARTE G.E.I.E.;
FSK:12
Förderer:MFG Baden-Württemberg; MDM; Eurimages

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Vom Bürgerkrieg und seinen Folgen und Auswirkungen erzählt ENKLAVE von Goran Radovanovic. Der Film, der im Kosovo des Jahres 2004 angesiedelt ist, handelt von dem zehnjährigen Nenad, der in einer serbischen Enklave des Landes aufwächst. Tag für Tag holt ihn ein gepanzertes Fahrzeug der KFOR ab und bringt ihn zur Schule, wo er der einzige Schüler ist. Viele andere Serben haben die Gegend bereits verlassen und so leidet Nenad sehr unter der Einsamkeit, denn die anderen Kinder seiner Gegend hassen ihn, bewerfen den Panzer, der ihn zur Schule bringt, regelmäßig mit Steinen und machen ihm klar, dass er hier nicht erwünscht ist. Als eines Tages Nenads Großvater stirbt, durchbricht der Junge die unsichtbaren Frontlinien, denn nur auf diese Weise kann er seinem Opa eine angemessene Beerdigung ermöglichen, Dadurch aber bringt er sich in Gefahr, denn ein albanischer Junge hat in dem Konflikt seinen Vater verloren und sinnt auf Rache …

Es ist eine sehr spezielle und beinahe schon absurde Situation, in der das karge und manchmal fast skizzenhaft wirkende Drama angesiedelt ist: Ein Panzer als Schulbus, eine Schule, die nur aus einem einzigen Schüler besteht, Kinder, die einander Todfeinde sind, ohne Gründe für ihren Hass zu wissen, dazu Erwachsene (und zwar fast ausschließlich Männer), die aus Trotz und Stolz ausharren, obwohl das Leben im Kosovo längst unerträglich für sie geworden ist - Goran Radovanovic bringt in seinem Film die Absurdität von Bürgerkrieg und ethnischen Konflikten treffend auf den Punkt. Die Szenen sind durchzogen von einer latenten Aggressivität, die verdeutlichen, unter welcher Anspannung die Menschen hier auch nach dem Ende der Kriegshandlungen hier leben. Wenn beispielsweise der albanische Junge, dessen Vater von Serben getötet wurde, mit gezogener Waffe immer wieder auf Menschen zielt, dann muss man als Zuschauer in jeder Szene befürchten, dass er abdrückt…

Getragen wird das Drama vor allem von der beeindruckenden Leistung von Filip Subaric, in dessen zumeist stummem Mienenspiel sich alle Facetten einer kindlichen Erlebenswelt inmitten einer grausamen und verwirrenden Umwelt widerspiegeln. Gerne hätte man mehr erfahren über die genauen Lebensumstände und die anderen Bewohner der Enklave, doch Radovanovics Fokus auf Nenad und seinen Blick auf die Welt versöhnt mit dem ungeschminkten Einblick in eine kindliche Seele.