Ein Sack voll Murmeln

Kinostart: 17.08.17
2017
Filmplakat: Ein Sack voll Murmeln

FBW-Pressetext

Joseph Joffo wächst zusammen mit seinen drei älteren Brüdern wohlbehütet im Paris der 1930er und 40er Jahre auf. Doch als Frankreich von den Deutschen besetzt wird, machen sich seine Eltern zunehmend Sorgen. Denn die Joffos sind Juden. Als die Situation immer bedrohlicher wird, fassen die Eltern einen schweren Entschluss und schicken Joseph und seinen Bruder Maurice alleine fort. Die beiden sollen über einen Schleuser in die sogenannte „freie Zone“ nach Nizza gelangen. Dort wollen sich alle wieder treffen. Der Vater gibt den Jungs noch einen überlebenswichtigen Rat mit auf den Weg: Sie sollen immer stolz darauf sein, Juden zu sein, doch sich als solche zu erkennen zu geben, ist von nun an verboten. Bald schon stellen Joseph und Maurice fest, dass das Netz der Verfolgung durch die Nazis immer enger wird. Doch solange sie einander haben, können sie alle Widrigkeiten überstehen. Im Jahr 1971 schrieb Joseph Joffo seine eigenen Erlebnisse im Frankreich der deutschen Besatzungszeit nieder. Der Roman wurde in Frankreich ein Bestseller und in 18 Sprachen übersetzt. Regisseur Christian Duguay hat nun aus der Vorlage einen berührenden Film geschaffen, der gerade auch durch die Leistung der Kinderdarsteller begeistert. Der Film ist konsequent aus der Perspektive von Joseph erzählt. Dorian Le Clech ist in seinem Spiel so natürlich und ungezwungen, dass jeder Blick in seine Augen die Empfindungen von Joseph nachvollziehbar macht. Auch sein Bruder Maurice, dargestellt von Batyste Fleurial Palmieri, ist ein so glaubhafter Charakter, dass man den Jungs ganz natürlich durch die Geschichte folgen kann. Doch auch wenn der Film die Schwere der Ereignisse nicht beschönigt, geht eine gewisse kindliche Leichtigkeit nie verloren, vor allem wenn der Regisseur elegant und mit wunderschönen Bildern Momente der Freiheit und der Lebensfreude inszeniert, wie etwa den Ausflug in die Natur, das Spielen mit Kameraden in Paris oder einem Landschulheim oder die unbeschwerten Momente mit der Familie – auch hier beweist sich der Cast als exzellent, die Erwachsenen stehen nie im Vordergrund, sind aber ein wichtiger Teil des Ganzen. Auch das Setting, die Kulisse und die Landschaft, in der EIN SACK VOLL MURMELN spielt, vereinen in sich historische Authentizität und kindlich-naive Verspieltheit. EIN SACK VOLL MURMELN erzählt auf eindrucksvolle und tief berührende Weise eine wahre Geschichte, die für Millionen von anderen wahren Geschichten dieser Zeit steht, und die zeigt, wieviel Kraft, Stärke und Mut ein Kind haben kann.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm
Regie:Christian Duguay
Darsteller:Dorian Le Clech; Batyste Fleurial Palmeri; Patrick Bruel; Elsa Zylberstein; Bernard Campan; Christian Clavier
Drehbuch:Christian Duguay; Jonathan Allouche; Alexandra Geismar; Benoit Guichard
Buchvorlage:Joseph Joffo
Kamera:Christophe Graillot
Schnitt:Olivier Gajan
Musik:Armand Amar
Länge:113 Minuten
Kinostart:17.08.2017
Verleih:Weltkino Filmverleih
Produktion: Quad Productions, Main Journey; Gaumont; TF1 Films Production; Forecast Pictures; IDL Films; La Compagnie Cinématographique; Panache Productions; Proximus; Okko Productions;
FSK:12
Förderer:MDM

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Das auf Joseph Joffos autobiografischen Roman beruhende Drama EIN SACK VOLL MURMELN entspricht nach Ansicht der Jury in allen Belangen auf höchstem Niveau den Anforderungen des Konzepts, Kino als Illusionsmaschine zu gestalten. Die Affekte werden aufs Präziseste angesprochen, die Identifikation mit Figuren und Motiven fast schwellenlos ermöglicht, und die künstlerische Umsetzung unterstützt in Perfektion das Abtauchen in die gestaltete Welt.
Handwerklich ist der Film außergewöhnlich gut gelungen: Die Ausstattung erschafft vor dem historischen Hintergrund eine eigene, sorgfältig gestaltete und in sich stimmige Welt, in die hinein die Kamera in epischem Pathos Emotionen aus Licht, Farben und Atmosphären malt. Zusammen gehalten wird all das von einem ausgereiften “Continuity Editing“ das den Zuschauer aus dem erzählerischen Sog nicht mehr entlassen will, den ein die Klaviatur der Dramaturgie virtuos bedienendes Drehbuch entfacht hat. Die Schauspieler schließlich fügen sich derart geschmeidig in diese Vorgaben ein, dass die Identifikation leicht fällt. Das Drehbuch gibt ihnen zudem immer wieder die Möglichkeit, Ausdruck über ihr Spiel zu geben und nicht zwingend über den Dialog. Kurz gesagt: Die Emotionalisierungsmaschinerie läuft auf Hochtouren und verfehlt ihre Wirkung dank des perfekten Zusammenspiels der Gewerke nicht.
Die Kehrseite von Ästhetisierung und Emotionalisierung stellt zumeist einen gewissen Mangel an Differenzierung dar – und auch in diesem Fall möchte die Jury anmerken, dass die Figurenzeichnung oftmals im Schwarzweiß verbleibt. Im Grunde gibt es niemanden im Film, der sich nicht entweder aufrichtig und integer oder verräterisch verhält. Da sich aber wie oben beschrieben die wahre Geschichte, die dem Film zugrunde liegt, sehr kunstvoll zu einem filmischen Märchen verdichtet, diskutiert die Jury dies als stimmiges und legitimes Vorgehen und vergibt dem Film gerne das Prädikat besonders wertvoll.