Die besonderen Fähigkeiten des Herrn Mahler

FBW-Pressetext

DDR, 1987: Ein kleiner Junge ist verschwunden, die Polizei kommt mit ihrer Untersuchung des Falls nicht weiter. Der Staat möchte zu gern einen Schlussstrich unter die Ermittlungen ziehen und benötigt deswegen die Hilfe des Herrn Mahler. Der Sonderermittler soll mit den Eltern reden, sie dazu bringen, den Sohn für tot erklären zu lassen. Doch Herr Mahler vermutet, dass sich hinter der Geschichte des vermissten Sohnes mehr verbirgt als die Eltern bereit sind zuzugeben. Schließlich hat Herr Mahler ganz besondere Fähigkeiten. Und die haben schon so manches Gespräch gedreht. Von der ersten Minute an spürt man in DIE BESONDEREN FÄHIGKEITEN DES HERRN MAHLER von Paul Philipp die knisternde Stimmung und Spannung, die einem Kammerspiel innewohnt. Die Dialoge zwischen den Kiefers, die Matthias Lier und Jasmin Schwiers mit eindringlicher Intensität in nachvollziehbarer Verzweiflung verkörpern und dem Sonderermittler Mahler werden von der großartigen Kamera und der exakt getakteten Montage als langsames und sich konstant steigerndes Rededuell entwickelt. Als Zuschauer verfällt man dabei ganz automatisch den charismatischen Beschwörungen des Herrn Mahler. André Hennicke spielt ihn auf grandiose Weise mit einem ruhigen Ausdruck souveräner Dominanz, mit der er die Szene förmlich beherrscht. Und wenn am Ende die Handlung noch einmal in einem letzten ultimativen Twist umgekehrt wird und der Bezug zu realen historischen Ereignissen gezogen wird, dann hat der Film seine filmische Qualität noch um eine wichtige inhaltliche Dimension erweitert. Paul Philipps DIE BESONDEREN FÄHIGKEITEN DES HERRN MAHLER ist ein hochspannend doppelbödiger und immer wieder überraschender Kurzthriller mit deutlichem Bezug zu einem dunklen Kapitel der DDR.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Spielfilm; Kurzfilm
Regie:Paul Philipp
Darsteller:Andre Hennicke; Matthias Lier; Jasmin Schwiers; Dante Gutierrez Janssen; Bernd Stegemann
Drehbuch:Belo Schwarz
Kamera:Jann Doeppert
Schnitt:Robert Stuprich
Musik:Daniel Elias Brenner
Länge:28 Minuten
Verleih:Interfilm Berlin
Produktion: Zum Goldenen Lamm GmbH & Co. KG, SWR; ARTE; BR; MDR;
Förderer:MFG Baden-Württemberg

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Extrem spannend wird in diesem Kurzfilm eine Geschichte aus der Spätphase der DDR erzählt. Ein sechsjähriger Junge aus Köpenick ist seit Wochen verschwunden. Die Volkspolizei will den Fall unbedingt zum Abschluss bringen, weil er für Unruhe sorgt – und vielleicht sogar darüber in der BRD berichtet werden könnte. So kommt der Spezialist Herr Mahler zum Einsatz, der ein abschließendes Gespräch mit den Eltern des Jungen führt. Und welches Interesse ihn dabei leitet, ob er, wie er selber behauptet, als ein übersinnlich Begabter eine Spur sucht oder die Eltern nur dazu bringen will, den Todesschein für ihren Jungen zu unterschreiben, bleibt lange im Ungewissen. Paul Philip hat hier ein Kammerspiel mit drei Protagonisten inszeniert, bei dem er souverän und sehr unterhaltsam jeweils nur so viele Informationen offenbart, dass das Publikum bis zur letzten Sequenz rätseln kann und muss. Jedes Wort, jede Geste hat eine genau kalkulierte Bedeutung und dabei bleiben die Charaktere immer glaubwürdig sowie ihr Handeln psychologisch plausibel. Die intensive Wirkung des Spielfilms entsteht auch durch die atmosphärisch dichte Inszenierung. Das Haus, in dem die Eltern des verschwundenen Kindes leben, ist muffig, grau und ein wenig heruntergekommen. Die Menschen haben sich kein Heim geschaffen, sondern scheinen eher auf Abruf zu leben. Drehort, Ausstattung, Kostüme und Maskenbild wirken dabei sehr authentisch. Grandios gebaut ist auch der letzte Akt mit der überraschenden Auflösung des Geheimnisses, durch das alles davor Geschehende noch einmal eine ganz neue Bedeutung und die Geschichte ein historisches Gewicht bekommt, denn hier wird von realen Vorkommnissen in der DDR erzählt. So bietet Philipps großes Kino in 29 Minuten, das mit dem Prädikat besonders wertvoll ausgezeichnet wird.