Der Hauptmann

Filmplakat: Der Hauptmann

FBW-Pressetext

Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Der Gefreite Willi Herold - abgehetzt, halb verhungert und kurz vor dem Erfrierungstod - findet nahe einer Waldlichtung einen verlassenen Wagen. Darin liegt die Uniform eines Offiziers, die Herold entwendet. Als er in seiner Aufmachung einem weiteren Gefreiten begegnet, der seine Einheit verloren hat, bittet dieser, sich dem „Hauptmann“ anschließen zu dürfen. Viele andere folgen. Am 11. April 1945 betreten Herold und seine Gefolgsleute das Strafgefangenenlager Aschendorfermoor. Mit der Behauptung, der Führer hätte ihm persönlich die Verantwortung übergeben, übernimmt Herold die Führung über das Lager und beginnt, die Gefangenen auf brutale Art zu töten. Keiner der Führungsleute der Gestapo verhindert seine Gewaltherrschaft. Als ein Bombenangriff der britischen Truppen das Lager zerstört, ziehen Herold und seine „Kampftruppe“ weiter. Denn der Krieg ist noch nicht aus. Und Herold will die Macht, die ihm die Uniform verleiht, nicht wieder hergeben. Robert Schwentke erzählt mit DER HAUPTMANN die wahre Geschichte des 19-jährigen Gefreiten Willi Herold, der als „Henker vom Emsland“ bekannt wurde. Der Film beginnt dramaturgisch geschickt mit der Flucht Herolds vor den eigenen Leuten, die ihn vor sich herjagen. So baut Schwentke für den Zuschauer eine Verbindung zu Herold, den man zuallererst als Opfer und nicht als das Monster, als das er sich herausstellt, kennenlernt. Dem Hauptdarsteller Max Hubacher gelingt auf phänomenale Weise der Balanceakt zwischen der fast jugendlichen Unschuld des Soldaten und der grausamen Härte und Kälte eines Mannes, den der Rausch der Macht zum Massenmörder werden lässt. Auch der Rest des Ensembles leistet in Ausdruck und Spiel Unglaubliches. Frederick Lau als blutberauschter Soldat, der es nicht abwarten kann, mit aller Härte gegen alles vorzugehen, was schwächer ist als er selbst; Wolfram Koch und Samuel Finzi als inhaftierte Schauspieler, die an einem Abend eine Vorführung geben und sprichwörtlich um ihr Leben spielen müssen; oder Milan Peschel als Gefreiter Freytag, der sich in blinder Treue Herold anschließt und der nach und nach nicht nur spürt, welchem Monster er folgt, sondern zu welchen Monstern sie allesamt geworden sind. Schwentke setzt die Figuren in immer wieder neuen szenischen Anordnungen zueinander in Bezug, erzählt mit großer inszenatorischer Ruhe, dazu liefert Florian Ballhaus eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Bilder, die geschickt mit Nähe und Distanz zu den unfassbaren Grausamkeiten spielen, wozu auch das klug durchdachte Soundkonzept dient. Am Ende des Films steht ein eindrucksvoller Brückenschlag in die Gegenwart und damit auch zu zentralen Fragen an den Zuschauer wie etwa: Wie hätte man selbst gehandelt? Und wie weit ist Heute noch von Damals entfernt? Die deutsch-französisch-polnische Koproduktion DER HAUPTMANN ist ein klug reflektierender und brillant gespielter Kriegsfilm, der über seine Geschichte hinaus wichtige Fragen stellt und damit auch als Mahnung an das Heute gelten kann.

Filminfos

Gattung:Drama; Spielfilm; Kriegsfilm
Regie:Robert Schwentke
Darsteller:Max Hubacher; Frederick Lau; Milan Peschel; Alexander Fehling; Bernd Hölscher; Waldemar Kobus
Drehbuch:Robert Schwentke
Kamera:Florian Ballhaus
Schnitt:Michal Czarnecki
Musik:Martin Todsharow
Länge:119 Minuten
Kinostart:01.03.2018
Verleih:Weltkino Filmverleih
Produktion: Filmgalerie 451 , Alfama Films; Opus Film;
Förderer:MFG Baden-Württemberg; FFA; BKM; MBB; DFFF; MDM; Eurimages

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Die FBW-Jury hat dem Film das Prädikat besonders wertvoll verliehen.

Robert Schwentkes Spielfilm DER HAUPTMANN basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich in Norddeutschland in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges zugetragen hat. Die Geschichte ist eine tragische Variante des „Hauptmanns von Köpenick“. Auch hier findet ein Mann die Uniform eines Offiziers und schlüpft mit der Kleidung in die Rolle des hochrangigen Soldaten. Seine Mitmenschen glauben ihm und folgen seinen Befehlen. In den chaotischen Tagen des Zusammenbruchs des Dritten Reiches begeht er mit der Hilfe eines zusammengewürfelten Haufens von versprengten Soldaten Gräueltaten an vermeintlichen Deserteuren, Plünderern, Verrätern und den Insassen eines Gefangenenlagers. Indem Schwentke weitgehend aus der Perspektive der Titelfigur erzählt und die ersten Sequenzen auch so inszeniert hat, dass dem Zuschauer kaum etwas anderes übrig bleibt, als sich mit ihm zu identifizieren, ist es unmöglich, ihn als den bestialischen Fremden zu sehen. Am Anfang ist er auf der Flucht, wird durch einen Wald gehetzt, versteckt sich und versucht alles, um zu überleben. Und Max Hubacher hat in dieser Rolle nichts Dämonisches an sich. Es ist verstörend, so graduell seine Veränderung sozusagen „von innen“ mitzuerleben. Später wird dann sein erster von Milan Peschel gespielter „Untergebener“ eine Art moralische Instanz, in dessen Augen sich der Schrecken über das Geschehen spiegelt. Bemerkenswert ist auch, dass „Hauptmann“ in den Augen der Jury nicht zwingend überzeugend in seiner Verkleidung ist. Er legitimiert sich im Grunde durch seine Grausamkeit. Im Chaos bleibt er die einzige Autorität und so begehen die Soldaten auf seinen Befehl hin brutalste Massenhinrichtungen, willkürliche Tötungen und sadistische Gewaltakte. Schwentke erzählt dies mit einer bemerkenswerten künstlerischen Radikalität in Schwarzweißbildern. Besonders gelungen ist ihm die Darstellung eines Casinoabends, der schließlich in einer Gewaltorgie endet, und bei dem zwei Gefangene des Lagers als Schauspieler die Truppen mit obszönen, antijüdischen Sketchen und Liedern unterhalten. Die beiden werden von Samuel Finzi und Wolfram Koch erschütternd intensiv verkörpert: Schwentke macht in diesen Sequenzen beeindruckend deutlich, wie ihnen bewusst ist, dass sie spielen müssen, um am Leben zu bleiben. Wirkungsvoll sind auch einige Verfremdungseffekte, mit denen Schwentke deutlich macht, dass es eine Verbindung zwischen dem Gezeigten und der Gegenwart gibt. Nur hier wird sein Film farbig. In der Mitte des Films zeigt er in einer Totalen einen einfachen Acker, der genau an der Stelle liegt, wo damals das Lager stand. Und während die Schlusstitel über die Leinwand rollen, zeigt er Sequenzen, in denen die Schauspieler in den Kostümen und in den Rollen des Hauptmanns und seiner Soldateska im Jeep durch eine heutige deutsche Stadt fahren und dort Passanten kontrollieren und bedrängen. Nicht die Menschen, sondern die Umstände waren damals anders – dies macht er hier sehr effektiv mit filmischen Mitteln deutlich. Und weil DER HAUPTMANN auf allen Ebenen (Drehbuch, Regie, Kamera, Schauspiel, Ausstattung, Schnitt, Musik) künstlerisch konsequent und souverän umgesetzt wurde, wird er mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet.