Durch den Vorhang

Filmplakat: Durch den Vorhang

FBW-Pressetext

Tom ist gutgelaunt, als er mit seinen Mitschülern auf die Klassenreise nach Israel aufbricht. Doch schon nach kurzem Aufenthalt ist Toms Laune am Boden. Denn er liegt im Krankenhaus. In einem fremden Land. Und findet logischerweise alle und alles doof. Doch was ist eigentlich passiert? Und muss er sich wirklich mit der Person unterhalten, die nur ein Bett weiter, getrennt durch einen Vorhang, liegt? Aber vielleicht geht es gar nicht so sehr ums Unterhalten. Vielleicht geht es ja eher darum, gut zuzuhören. In seinem Kurzspielfilm DURCH DEN VORHANG erzählt der Nachwuchsfilmemacher Arkadij Khaet seine Geschichte auf ungewöhnliche Weise. Durch Rückblenden werden, wie in einem Puzzle, Toms Erlebnisse in seiner israelischen Gastfamilie gezeigt. Khaet reflektiert die heutige deutsche Geschichtsaufarbeitung über seine kluge Figurenkonstellation mit authentischen Charakteren, ohne aber Stereotypen oder Klischees zu strapazieren. In keiner Minute entsteht falsche Betroffenheit, und doch bewegt der Film durch seine Geschichte und die Botschaft, dass die Bewältigung der Vergangenheit erst dann funktionieren kann, wenn man sich der Position und Perspektive des jeweils anderen gegenüber öffnet. DURCH DEN VORHANG ist ein kluger Film, der von der Bedeutung des Holocausts für verschiedene Schicksale erzählt. Ganz anders und gegen den Strich – und genau deswegen so überzeugend.
Prädikat besonders wertvoll

Filminfos

Gattung:Drama
Regie:Arkadij Khaet
Darsteller:Leon Seidel; Nino Böhlau; Ursula Renneke; Nurith Yaron; Micheal Meichßner; Susanne Gschwendtner
Drehbuch:Arkadij Khaet
Kamera:Sebastian Schafstein
Schnitt:Arkadij Khaet
Musik:Michael Firmont
Länge:27 Minuten
Verleih:FWU
Produktion: Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, FreigeistFilm GbR
Förderer:Macromedia Hochschule

Jury-Begründung

Prädikat besonders wertvoll

Für Tom beinhaltet ein Schulausflug nach Israel zunächst einmal nur die Idee von Sonne, Urlaub, Entspannung, doch das soll sich ändern. Kaum angekommen erfährt der Schüler, was es heißt, aufgrund von Herkunft oder Religion stigmatisiert zu werden und er erfährt auch vom Schicksal von Rosa, einer alten Jüdin, die den Holocaust überlebt hat.

DURCH DEN VORHANG hat die Jury durch seine Offenheit und mutige Darstellung positiv überrascht. Regisseur Arkadij Khaet packt das Verhältnis von Deutschen und in Israel lebenden Juden höchst unkonventionell und im besten Sinne zeitgenössisch an. Sein Protagonist Tom stößt bei seiner israelischen Austauschfamilie auf Ari. Ähnlich wie Tom hat der Sohn des Hauses keine Lust auf jegliche Form des üblichen verordneten Gedenken. In pubertierendem Überschwang versucht er dem Deutschen das Leben in seiner Familie möglichst unangenehm zu machen und beschimpft ihn als Nazi. Ein Vorwurf, gegen den auch Tom sich nicht aufzulehnen wagt.

DURCH DEN VORHANG setzt sich, nach Ansicht der Jury, in außergewöhnlich moderner Form mit dem bis heute vorurteilsgeprägten und geschichtlich belasteten Verhältnis von Deutschen und Juden auseinander. Nach einer Auseinandersetzung mit Ari landet Tom in einem israelischen Krankenhaus. Dort liegt auch Rosa die Tom – in einer dramaturgisch hervorragend gestalteten Szene - von ihrer Flucht vor dem Nationalsozialismus und auch ihrer eigenen Schuld erzählt.

In der Diskussion zeigte sich die Jury beeindruckt von der, für einen deutschen Film, ungewöhnlich authentischen Weise, mit der DURCH DEN VORHANG den Umgang mit der Vergangenheit anpackt. Nicht die Betroffenheit, sondern die reelle Begegnung ist das bestimmende Motiv des Films. Durch die Auseinandersetzung mit Ari und das Gespräch mit der Jüdin Rosa kann Tom mehr über das Verhältnis von Deutschen und Juden erfahren, als über das übliche, verordnete Gedenken, für das letztlich Toms Lehrer Pate steht.

DURCH DEN VORHANG ist bestens besetzt und bis zum Schluss spannend choreographiert. Mit gut gewählten, zeitlichen Montagen und einer dramaturgisch äußerst interessanten, titelgebenden Unterhaltung durch einen Vorhang hindurch, hält Khaets Film junge wie ältere Zuschauer gefangen. Zwischen der alten Jüdin und Tom entsteht im Laufe nur einer Nacht eine spürbare Bindung. Beide fühlen sich fehl am Platz, beide sehnen sich nach ihrem Zuhause. DURCH DEN VORHANG hat das Zeug dazu, den gesellschaftlichen Diskurs zum Gedenken zu erweitern.

Leider, so bemängelt die Jury, hält Regisseur Arkadij Khaet seinen äußerst fortschrittlichen Ansatz nicht vollends durch. Anstatt den Film am Vorhang, also im israelischen Krankenhaus, enden zu lassen, kehrt er mit der Kamera zum Ausgangspunkt von Toms Reise zurück, dem Denkmal zur Erinnerung an die Kindertransporte, am Bahnhof Friedrichstraße. Vielleicht, so die Jury, ja eine Konzession an die konventionelle, filmische Aufarbeitung von Shoa und Holocaust, vielleicht aber auch ein Zugeständnis, das sich dramaturgisch gegen die bis dahin, im besten Sinne des Wortes, unkonventionelle Arbeit richtet. Dennoch ist die Jury der Meinung, dass sich DURCH DEN VORHANG künstlerisch so faszinierend und inhaltlich genauso mutig, wie außergewöhnlich mit der geschichtsbelasteten Verbindung von Deutschen und Juden auseinandersetzt, dass er das Prädikat “besonders wertvoll“ verdient hat.